Von links dröhnt schon die 2. Nacht in Folge süddeutsche Volksmusik in einer Lautstärke an mein Ohr, die jeden Club auf den Ringen wie eine Wellness-Oase erscheinen lässt. Es scheint, dass ganz Spalt zum Kirchweihfest im angrenzenden Gasthaus versammelt ist. Hätten wir das geahnt, hätten wir uns bestimmt woanders einquartiert, aber zu spät. Vier Stunden später ist Aufstehen angesagt (Geschlafen hat eh niemand) und nach schnellem Frühstück machen wir uns um 4.30 Uhr auf zum Startbereich in Hilpoltstein. Bedrohlich dunkle Wolken am Himmel lassen nichts Gutes erahnen, das sieht nicht nach den „idealen Wetterbedingungen“ aus, von denen vorgestern auf der Pastaparty noch die Rede war. Aber immer noch besser als die 37 Grad Lufttemperatur, die wetter.com noch vor einer Woche für heute vorhergesagt hatte.
Die Vorbereitungen am Rad sind schnell abgeschlossen: Schuhe eingeklickt, Helm, Brille und
Startnummer deponiert, Riegel verstaut, Funktionsfähigkeit des Tachos geprüft. Dann heißt es
nur noch Warten auf den Start. Die Top-Athleten starten bereits um 6 Uhr morgens, ich
bin erst um 7.10 Uhr in Startgruppe 11 dran. Wegen des beschränkten Platzes im Main-Donau-Kanal
erfolgt der Start in Roth nicht als Massen, sondern als Wellenstart mit insgesamt 18
Startgruppen zu je 200 Startern. Die Wartezeit vertreibe ich mir mit 3 Gängen zum Klo, mit alten Traditionen soll
man nicht brechen. Gegen 6.50 Uhr kommen die Top-Athleten aus dem Wasser, Gelegenheit, mal
einen schnellen Blick auf Stadler, Kienle, Keat und Co. zu werfen. 15 Minuten später geht's endlich
ins Wasser, das hier genauso grün und trübe ist, wie gestern beim Einschwimmen im Brombachsee,
die Sichtweite beträgt etwa 10 cm. Dafür ist jede Menge Platz, der Startschuss fällt und ab
geht's, 10 1/2 Stunden Sport liegen vor mir, wenn's gut läuft. Trotz des deutlich geringeren
Trainingsumfangs gegenüber dem Vorjahr hoffe ich schon, schneller als in Frankfurt zu sein.
Schwimmen und Radfahren bereiten mir wenig Sorgen und das Laufen bis zum Halbmarathon auch nicht.
Danach wird es übel werden, mit nur einer Handvoll langer Läufe in den Beinen, davon keiner länger
als 25 km, erwarte ich eine üble Quälerei auf der 2. Marathonhälfte.
Aber das ist noch lange hin, erstmal heißt es Schwimmen und so entspannt wie in Roth habe ich
das noch auf keiner Veranstaltung erlebt. Von Anfang an kann ich mein Tempo schwimmen, keine
Prügeleien oder vorsätzliche Ertränkungsversuche, wie ich sie vor einigen Wochen zuletzt in Voerde erleben
durfte und mit gezielten Tritten in die Rippen des Gegners gerade noch abwehren konnte. Hätte nicht gedacht,
dass ich meine Handball-Vergangenheit nochmal brauchen kann …. Nach etwa
1,5 km kommt die erste Wendeboje, auch hier geht alles sehr gesittet ab. Es geht gut vorwärts, erst
weitere 1,9 km weiter bei der 2. Wendeboje wird es eng, da man nun auf die langsameren Schwimmer
der vorherigen Startgruppe aufschwimmt und es sich so etwas knubbelt. Kaum habe ich mich da
durchgeschlängelt, ist auch schon der Schwimmausstieg erreicht. Heiße Sambarhythmen schallen mir
entgegen, die gar nicht so recht zu den immer noch fies kühlen Temperaturen passen wollen. Nach 1:06 Std.
greife ich meinen (leeren) Wechselbeutel, was genau die Zeit ist, die ich erwartet habe, für mich ok.
Anders als in Frankfurt letztes Jahr gedenke ich, dieses Jahr nicht wieder 14 Minuten in den Wechselzonen zu
verbringen. Entsprechend zügig geht der Wechsel vonstatten, nach gut 2 Minuten sitze ich auf meinem Rad, welches
dieses Jahr mehr Ähnlichkeit mit einem Sportgerät aufweist als der alte Drahtesel aus Stahl vom letzten Jahr. Das
allein macht allerdings auch nicht schneller. Überhaupt nicht schnell machen vor allem aber die Stiche
in linker Leiste und Oberschenkel, die ich bei jedem Tritt verspüre. So etwas kannte ich bis jetzt gar nicht
und natürlich muss das dann gleich im Wettkampf passieren. Dank der kühlen Witterung lassen sich die Beine
heute auch furchtbar lange Zeit mit Warmwerden. Nur dem ordentlich blasenden Rückenwind ist es zu verdanken,
dass ich die ersten 37 km bis Greding in einem 35-er-Schnitt fahre. Dann wartet der steile Anstieg am
Kalvarienberg, der die Muskulatur endlich auf Temperatur bringt, die Stiche verschwinden. Verschwinden tut
in gleichem Maße leider auch der bisher äußerst angenehme Rückenwind, stattdessen bläst er jetzt kräftig
von schräg vorne, und das auch noch bei der in diesem Abschnitt sehr hügeligen Strecke mit vielen kleinen,
giftigen Wellen. Irgendjemand hatte vorgestern was von „idealen Bedingungen bei 26 Grad und Windstille“
verkündet. Seit Kachelmann im Knast ist, kann man sich auf die Wettervorhersage gar nicht mehr verlassen.
Egal, die Bedingungen sind für alle gleich. Spaß kommt dann wieder bei den
schnellen Abfahrten auf, insbesondere
in den rasanten Serpentinen runter nach Obermässing. 20 km später biege ich in Hilpoltstein um eine scharfe Rechtskurve –
und sehe keine Straße mehr.
„Dieser Berg ist eine Legende“ tönt es vollmundig aus dem Lautsprecher. Mag sein, aber wie soll
ich denn den Berg hochfahren, wenn da Menschenmassen Volkswandern veranstalten? Natürlich tun sie das nicht,
kurz bevor man in die Menschenmassen reinfährt, öffnet sich wie von Geisterhand eine schmale Gasse, Hände
strecken sich einem entgegen und Tausende Kehlen brüllen einen den Solarer Berg hoch. Die Stimmung ist
unglaublich, so muss sich Alpe d'Huez anfühlen, ich dachte letztes Jahr schon in Bad Vilbel am Heartbreak Hill
„Besser geht's nicht“. Der Solarer Berg belehrt mich gerade eines Besseren. Gemütlich juckele ich den Berg
rauf, denn das Überholen der langsameren Fahrer vor einem ist unmöglich, sodass ich einfach die unglaubliche
Atmosphäre genieße.
Nach einer 15 km-Schleife um Hilpoltstein kommt man bei km 84 wieder am Startbereich an. „Nette Runde“, denke ich,
„war eine schöne Fahrt in toller Landschaft, jetzt bitte Feierabend“. Blöderweise muss ich jetzt die gleiche
Runde nochmal fahren, wozu ich gerade keine herausragende Lust verspüre und mich mal wieder frage, was das hier
eigentlich soll. Mein Magen macht sich auch gerade vorsichtig bemerkbar, die 3 Riegel, die ich verdrückt habe,
verlangen nach Ablösung durch Rumpsteak mit Kroketten. Da das gerade nicht greifbar ist, steige ich auf Gels um,
was der Magen dankbar zur Kenntnis nimmt. Immerhin setzt sich endlich die Sonne durch, sodass uns auf Runde 2
ein blauer Himmel entgegen strahlt, was den Spaß etwas zurückbringt. Der Wind hinter Greding nimmt leider nicht in
gleichem Maße ab, wie die Menschenmassen am Solarer Berg, die meisten Zuschauer haben sich schon Richtung Laufstrecke
verabschiedet, um dort weiter anzufeuern. Die letzten 25 Kilometer geht es in einem flotten 39er-Schnitt zurück nach
Roth, wo ich nach 5:21 Std. Fahrzeit dem erstbesten Helfer mein Rad in die Arme schmeiße. Überhaupt sind die Helfer in Roth
unglaublich auf Zack, man kriegt den Arsch noch hinterhergetragen. Meinen Wechselbeutel brauche ich gar nicht
selbst zu greifen, den hat der nächste Helfer beim Anblick meiner Startnummer schon herausgesucht und drückt
ihn mir in die Hand. Auch der 2. Wechsel geht schnell, Helm und Brille ab, Socken und Schuhe an, nach 1:56 Min.
verlasse ich die Wechselzone wieder. Erst da fällt mir auf, dass ich vergessen habe, mein Käppi aufzuziehen,
was angesichts meiner Nacktmull-Frisur und der größtenteils in der Sonne liegenden Laufstrecke etwas suboptimal ist.
Kurz überlege ich, ob ich zurücklaufen und sie holen soll, entscheide mich aber dagegen, bis ich in dem Riesenhaufen
Wechselbeutel meinen gefunden habe, ist der Wettkampf vorbei. Außerdem kommt es vielleicht nicht gut an, in
Roth mit einem Ironman-Käppi zu laufen …
So gehe ich nach 6:31 Std. Gesamtkampfzeit auf die Laufstrecke, 25 Minuten schneller als in Frankfurt. Für 9 Minuten davon brauchte ich außer schnell zu wechseln gar nichts zu tun. Weitere 5 Minuten gehen wohl auf das Konto der zu kurzen Radstrecke, die nämlich in Roth nur 177 km hat, wenn ich meinem Tacho (und Google Maps) glauben darf. Jetzt nur noch einen Marathon laufen …. Beim Gedanken daran rebellieren die Beine erstmal komplett, ich habe jetzt schon Schmerzen und denke ernsthaft darüber nach, direkt aufzuhören, das scheint heute überhaupt keinen Sinn zu ergeben. Bei km 1 lege ich erstmal eine zweiminütige Pause zur Bewässerung des Rother Stadtwalds ein. Danach läuft es sich erstaunlicherweise viel besser und ich frage mich, ob eine volle Blase auch auf die Beine geht. Kurz darauf kommt mir Chrissie Wellington entgegen, die bereits 36 km der T-förmigen Wendepunktstrecke absolviert hat. Beim Blick auf die Uhr kriege ich große Augen, sie ist jetzt, 6 km vor dem Ziel, bei 7:55 Std., was für eine Fabelzeit will sie heute schon wieder laufen? Bald finde ich meinen Laufrhythmus, der – natürlich rein zufällig – mit dem Laufrhythmus von 1 Meter 60 nett anzuschauender Triathletinnen-Rückseite übereinstimmt – das Auge läuft ja mit. Bis zum 1. Wendepunkt bei km 12,8 geht das so, dann verschleppt die Dame etwas das Tempo, sodass ich zu meinem großen Bedauern gezwungen bin, zu überholen und selbst mein Tempo zu laufen. Die Laufstrecke am Kanal entlang ist gar nicht mal so langweilig, wie ich befürchtet habe. Immer mal wieder kommen Stimmungsnester, an denen viele Zuschauer an der Strecke stehen und anfeuern. Auch die Hitze hält sich in Grenzen, die Bäume am Wegesrand spenden mehr Schatten als erwartet und auf den sonnigen Abschnitten halten tonnenweise Schwämme die Körpertemperatur im grünen Bereich.
Bis km 18 läuft so alles ganz locker, dann merke ich, dass die Oberschenkel langsam
anfangen zu schmerzen – alles wie erwartet halt. Die Schmerzen nehmen zu, bis bei km 27 der rechte
Oberschenkel komplett dichtmacht. Statt zu laufen, krabbele ich nur noch vor mich hin, zumindest kommt es mir so
vor. Immerhin geht es allen anderen, die ich so in meinem Umfeld erblicke, genauso. Nur die Staffelstarter
rauschen in deprimierendem Tempo an uns vorbei. Exakt 10 m vor Wendepunkt 2 bei km 28,4 kommt mir Hoxi entgegen.
„Schön“, denke ich, können wir den Rest ja zusammen ins Ziel krabbeln. Dummerweise kriege ich den 20 m Abstand
nicht zugelaufen, die Beine wollen nicht mehr. „Bloß nicht gehen, sonst ist es vorbei“, denke ich und verfluche
innerlich den Tag, an dem ich mich hierfür angemeldet habe. Nach ausgiebigem Fluchen gehe ich zur Abwechslung
lieber wieder konstruktiv vor und ändere den Laufstil, mache kürzere Schritte und erhöhe dafür die Frequenz, um die
Oberschenkel zu entlasten. Das hilft, schon 2 km später habe ich die 20 Meter zugelaufen und es geht
auf einmal wieder so gut, dass ich wieder mit Druck laufen kann. Dabei hilft wieder ein gut gebauter Hintern,
an den ich mich dranhänge, allerdings gehört der diesmal einem 1,90 m großen Modellathleten. Egal, im Moment
ist mir jeder Hintern recht. Bis km 36 lasse ich mich ziehen, ab da ist für mich klar, dass ich die
angepeilten 10:30 Std. schaffen werde, wenn ich jetzt nicht noch arge Krämpfe kriege. Bei km 38 geht's über eine
fiese Steigung, die nochmal richtig weh tut, raus aus dem Wald hoch in die Rother Altstadt. Der Rest ist
lockeres Schaulaufen, die Schleife über den Rother Marktplatz vorbei
an den Tausenden Zuschauern, die bei einem Glas Weißbier den
Athleten zuprosten, macht nochmal richtig Laune. „Die sind doch alle wahnsinnig“, schnappe ich von einem
Zuschauer auf, dem ich nur ein kurzes „Das stimmt“ zurufen kann. Dann kommt auch schon der
Zielbereich in
Sicht, der zwar nicht ganz mit der Atmosphäre am Frankfurter Römer mithalten kann, aber das ist jetzt auch
ziemlich egal. Ich biege auf die Zielgerade ein und nach
einer Marathonzeit von 3:47 Std. und einer Gesamtzeit von 10:18:50 Std. bleiben die Uhren für mich stehen, ich bin
genauso happy wie k.o., die Oberschenkel und Waden schmerzen wie nie bei einem Wettkampf zuvor. Mehr ging mit der Vorbereitung nicht, trotzdem
reicht es zu einer Verbesserung von 33 Minuten gegenüber Frankfurt im letzten Jahr. Über die zu kurze Strecke sehe ich
dabei mal locker drüber weg, denn auch die Laufstrecke hat maximal 41 km, wer die letzten beiden Kilometer auf der
Schleife durch die Altstadt ausgemessen hat, muss zu viele Pausen in den am Wegesrand liegenden Kneipen
eingelegt haben.
Fazit: Eine tolle Veranstaltung, die alles gehalten hat, was die Kollegen, die hier schon ein halbes Dutzendmal gestartet sind, vorher versprochen haben. Zur Jubiläumsausgabe im nächsten Jahr bin ich trotzdem nicht dabei, die Quälerei einer Langdistanz tue ich mir vorerst nicht wieder an. Fünf Stunden Sport reichen auch, weswegen ich mich nächstes Jahr verstärkt an der halben Ironman-Distanz versuchen werde.