Tahiti in der Abenddämmerung

Französisch-Polynesien – Woche 1: Buckelwale vor Moorea

September 2009

Sanft setzt die Boeing 777 der Air France morgens um halb 4 auf der Landebahn von Papeete auf. Vor 25 Stunden habe ich im herbstlichen Düsseldorf den Flieger bestiegen, einen guten Tag später schon bin ich nach zwei Zwischenlandungen in Paris und Los Angeles auf einer kleinen tropischen Insel irgendwo in den Weiten des zentralen Südpazifik angekommen. Tahiti, die Hauptinsel des Staates Französisch-Polynesien, habe ich bis vor kurzem eigentlich nur mit kitschigen Fototapeten in Verbindung gebracht. Mein tieferes Interesse an diesem Fleckchen Erde wurde geweckt, als ich erfahren habe, dass man hier beim Whale Watching auch nass werden kann, soll heißen, man darf als Schnorchler zu den Walen ins Wasser. Nur an wenigen Plätzen auf der Welt ist das möglich, meistens ist man eingeschränkt aufs Gucken vom Boot aus. Also buche ich mich für eine Gruppenreise bei Tauchertraum ein, die wieder einmal die passende Island-Hopping-Kombitour für mich parat haben. Nach dem Schnorcheln mit den Buckelwalen auf Moorea wird es zum Tauchen in die noch haireichen Gewässer des Tuamotu-Archipels nach Rangiroa und Fakarava gehen.

Der Hirtenstar (Acridotheres tristis) ist Tahitis Sperling und immer zur Stelle, um etwas Fressbares aus Mülltonnen oder von Frühstückstischen abzustauben. Downtown Papeete versprüht nicht gerade Südseeflair. Sonntags morgens um 4 ist in Papeete nicht wirklich viel los. Angesichts von gut 25.000 Einwohnern wird dies vermutlich auch an anderen Wochentagen ähnlich sein. Die Zeit bis zur Abfahrt der Fähre nach Moorea können wir am Frühstücksbuffet des Radisson Resorts totschlagen, wo wir uns bei unserer 33 EUR-Mahlzeit schon mal an polynesische Preise gewöhnen können, die sowohl in Supermärkten als auch in der Gastronomie deutlich über deutschen Verhältnissen liegen. Bei einer Alkoholsteuer von 240% werden wir uns in den nächsten 3 Wochen jedes Dekobier doppelt schmecken lassen. Um 9 Uhr setzen wir mit der Schnellfähre nach Moorea über, die Fahrt dauert nur 30 min, da Moorea in Sichtweite Tahitis liegt, nur 17 km entfernt. Auf der 60 km langen Küstenstraße, die Moorea komplett umrundet, geht es dann nochmal 90 min mit dem Shuttle-Bus halb um die Insel, bis wir nach 37 Stunden Anreise endlich unser Ziel erreicht haben. Für die 1. Woche wird das Hibiscus-Hotel unsere Unterkunft sein. Die 30 einfach ausgestatteten Doppelbungalows Ankunft auf Moorea sind im polynesischen Stil erbaut und bieten viel Platz, um sich mit dem Tauchgerödel strategisch auszubreiten. Zuallererst bauen wir unsere mitgebrachten Moskitonetze auf, denn schon beim Einchecken sind die angekündigten Mückenhorden über uns hergefallen, um uns bei lebendigem Leibe zu verspeisen. Autan hilft auch nicht wirklich viel, besser weicht man auf die lokalen Produkte aus. Am Abend treffen wir Michael von Tauchertraum im Coco d'Isle, dem empfehlenswertesten Restaurant am Platze, wo es zu zivilen Preisen leckeren, gegrillten Mahi-Mahi gibt, wie die Goldmakrele hierzulande genannt wird. Bei ein paar Hinano, dem lokalen Gerstensaft (absolut empfehlenswert!) erfahren wir von Michael mehr über den Ablauf der nächsten 3 Wochen. Für die Buckelwaltouren, die morgen starten, teilen wir unsere Das Wetter ändert sich schnell auf Tahiti, die Südseesonne ist futsch. zwölfköpfige Reisegesellschaft in zwei Gruppen auf. Jede Gruppe wird bei drei Walausfahrten, die jeweils um die 4 Stunden dauern werden, hoffentlich Gelegenheit bekommen, mit den Buckelwalen zu schnorcheln. Die Qualität der Begegnung hängt dabei natürlich wesentlich vom Verhalten der Tiere ab. Einem schwimmenden Wal kann man als Schnorchler unmöglich folgen, für jeden Flukenschlag des Wals müsste man 20 Flossenschläge machen. Oft lungern die Wale jedoch auch stationär in 15 m Wassertiefe herum und tauchen alle 10-15 min zum Luftholen auf. Dies sind die Wale, mit denen man viel Zeit im Wasser verbringen und denen man sehr nahe kommen kann. Wir sind gespannt, was in den nächsten Tagen passieren wird.

Bevor es zu den Walen geht, ist aber erstmal Stickstoff angesagt. Mit Fun Dive Moorea, einer kleinen, familiär geführten Basis, geht es zu den Tauchgründen Mooreas, die 20-30 min Bootsfahrt entfernt liegen. Michael hat uns vorgewarnt, dass wir vom Tauchen hier nicht allzuviel erwarten sollten, insbesondere für Leute, die schon viel gesehen habe, biete das Tauchen hier nichts Besonderes und diene nur dem Warmwerden. Nun bilde ich mir ein, schon relativ viel gesehen zu haben, Langweile kommt bei mir bei den Tauchgängen trotzdem nicht auf. Am Platz Lemonshark Valley wartet ein Dutzend Schwarzspitzen-Riffhaie auf uns, die uns wie Schoßhunde den ganzen Tauchgang lang begleiten. Wie der Name des Platzes schon vermuten lässt, gibt es auch einige Zitronenhaie, die aber vergleichsweise scheu sind und immer einen großen Sicherheitsabstand zu uns einhalten. Kein Vergleich zu den Zitronenhaien auf den Bahamas, klar, die hier werden ja nicht angefüttert. Tonnen von Fisch runden diesen sehr schönen Eingewöhnungstauchgang ab. Nach einstündiger Oberflächenpause, während der ganz südseelike Tee und Ananas gereicht wird, geht es am Small Rose Garden zum 2. Mal ins Wasser. Die Beschreibung bleibt die Gleiche, Schwarzspitzen, Zitronen und viel bunter Rifffisch.

Am 2. Tag wird's spannend, unsere erste Walausfahrt steht an. Wir müssen nicht lang fahren und treffen schon nach kurzer Zeit auf zwei stationäre Wale, zu denen wir ins Wasser hüpfen. Gegen den dunklen Meeresboden sind die beiden Kollegen allerdings nur schwer auszumachen. Nach 15 min tauchen sie genau unter uns auf, machen ein paar Flossenschläge und wir können nur noch zwei gigantischen Fluken hinterherschauen, die im dunklen Blau des Pazifik entschwinden. Leider bleibt das unsere einzige Begegnung heute, die restlichen 3 Stunden schippern wir an der Küste entlang, ohne auf weitere Wale zu treffen. Zum Trost stoppen wir auf der Rückfahrt an einem Spot, an dem sich im Flachwasser zwei Dutzend Adlerrochen tummeln, mit denen wir eine Zeitlang schnorcheln. Die andere Gruppe hat dagegen mehr Glück, am Nachmittag treffen sie auf eine Gruppe von 5 Walen, denen Menschenscheu ziemlich fremd zu sein scheint, auf Armlänge kommen die Schnorchler an sie heran. Garniert wird die Szenerie von ein paar Delfinen. Bei diesen Erzählungen werde ich schon ein klein wenig neidisch, aber wir haben ja noch zwei Versuche.

Zunächst ist aber wieder Tauchen angesagt, an Tag 3 geht es vormittags zu zwei Tauchgängen an den Platz Tiki, der seinen Namen von einer kleinen Statue hat, die dort auf dem Meeresboden versenkt wurde. Die Wassertemperatur von 26 Grad und eine Sichtweite um 35 m laden zu einem längeren Aufenthalt ein. Wie schon vorgestern hat es Dutzende Schwarzspitzen-Riffhaie, dazu gesellen sich hier jede Menge Graue Riffhaie, die sich an einer Putzerstation von Parasiten befreien lassen. Sehr sympathisch ist mir der Perlhuhn-Kugelfisch, der gerade eine Dornenkrone zerlegt. In den letzten Monaten gab es vor Moorea einen Dornenkronenplage, was man dem Riff auch deutlich ansieht, die Korallen sind größtenteils kaputt. Ob das allerdings alleine die Dornenkronen waren, wage ich zu bezweifeln.

Video: Riffhaie am Tiki [02:07 min]

Die nachmittägliche Walausfahrt wird dann leider eine Enttäuschung. 3 Stunden lang fahren wir hin und her, ohne auch nur einen einzigen Wal zu sichten. Erst am Ende machen wir zwei Mütter mit ihren Kälbern aus, sie schwimmen jedoch recht schnell, so dass jegliche Schnorchelversuche erfolglos sind. Da uns jetzt nur noch eine einzige Chance auf eine Wal-Nahbegegnung bleibt, buche ich mich für 65 EUR sicherheitshalber noch für eine zusätzliche, vierte Ausfahrt ein, die nicht im Reisepreis enthalten ist. Der leichte Frust wird am Abend mit einem Liter Tahiti-Drink ertränkt, einem sehr schmackhaften Punsch, der auf Moorea hergestellt wird.

Am nächsten Tag haben wir Freizeit, die wir dazu nutzen, per Mietwagen die Insel zu erkunden. Sinnigerweise schüttet es ausgerechnet heute wie aus Gießkannen und der Himmel präsentiert sich in wenig freundlichen Grautönen. Unser erster Stopp gilt der Landwirtschaftsschule, wo man gegen freien Eintritt heimische und eingeschleppte Pflanzen begutachten kann. Auf einem Rundweg mit 35 Stationen werden alle Pflanzen detailliert erläutert. Wer sich's merken kann... Anschließend geht es zum Aussichtspunkt "Belvedere", von dem man einen schönen Ausblick über die beiden großen Buchten hat, die den Norden Mooreas zieren - zumindest bei schönem Wetter, heute sehen wir leider im wesentlichen Wolken. Auf dem Weg zurück zur Küste stoppen wir an einer historischen Tempelanlage und stapfen bei strömendem Regen ein Stündchen durch den - na klar - Regenwald. An der Cook Bay besuchen wir die Getränkefabrik, die besagten Punsch herstellt, und verköstigen einige der alkoholischen Spezialmischungen. Damit sind die Hauptattraktionen Mooreas auch schon abgehakt, sieht man mal vom Tiki Village ab. In diesem historischen Dorf kann man sich über polynesiche Kultur informieren, Handwerkskunst anschauen, die lokale Küche probieren und Tanzvorführungen bestaunen. Wir tun nichts dergleichen, lassen das Dorf rechts liegen und genießen bei Sonnenuntergang lieber den atemberaubenden Blick auf das benachbarte Tahiti.

Was folgt ist ein Tag Zwangspause, da wegen des starken Windes die Walausfahrten auf den Folgetag verlegt werden müssen, an dem wir also zwei Touren machen und acht Stunden auf dem Boot sind. Die erste Tour beschert uns gleich die erhoffte Nahbegegnung, zwei Stunden lang verbringen wir mit einem Walbullen im Wasser, der netterweise auch noch für uns singt. Na ja, vermutlich flötet er für seine Angebetete, aber es scheint ihr nicht zu gefallen, der Bulle bleibt allein. Regelmäßig taucht er in wenigen Metern Abstand vor uns auf, schnappt einmal kurz nach Luft und schwimmt mit ein paar kräftigen Flukenschlägen 100 m weiter, um es sich dann wieder kopfüber in 15 m Wassertiefe bequem einzurichten, was uns Schnorchlern genügend Zeit gibt, ihn vor dem nächsten Auftauchen wieder ausfindig zu machen. Glücklich und zufrieden beenden wir nach vier Stunden die Tour und statten noch einem Stechrochen-Spot ähnlich Stingray City auf den Caymans einen Besuch ab. Im Flachwasser schnorcheln wir mit zwei Dutzend Stechrochen, aber so richtig zutraulich finde ich die Kollegen nicht gerade. Könnte natürlich auch an dem anderen Ausflugsboot liegen, was zeitgleich da ist – mit welchen Leckereien der Guide da die Rochen besticht, kann ich leider nicht erkennen. Nach kurzer Mittagspause starten wir unsere zweite Ausfahrt in der Hoffnung, dass sie ähnlich erfolgreich wird wie die erste. Die Hoffnung erfüllt sich leider nicht, wir sehen zwar am Nachmittag so viele Wale wie bei keiner anderen Ausfahrt (mindestens 20 Stück schwimmen durch die Gegend, zum Teil in Sechsergruppen), aber sie haben es allesamt sehr eilig und sind nicht zu Kontakt mit Schnorchlern aufgelegt. So bleibt es bei der einen tollen Begegnung von heute morgen.

Video: Spottender Buckelwal [00:37 min]
Video: Tahiti-Stechrochen vor Moorea [01:44 min]

Bilanz von Woche 1: eine traumhafte Insel, 1x Buckelwale zum Anfassen, Riffhaie satt und 50 Mückenstiche am Körper. Wobei die Moskitoparadiese mit Rangiroa und Fakarava erst noch kommen sollen. Um festzustellen, ob das stimmt (und für den ein- oder anderen Tauchgang natürlich) machen wir uns mit der Fähre auf zurück nach Tahiti und besteigen ein Propellermaschinchen, welches uns in gut einer Flugstunde ins Tuamotu-Archipel nach Rangiroa bringt.

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