Tauchsafari Kapverden auf der Witte Bank

Juni 2003

Nachdem mein erster Versuch, mich um die Kapverden herum vom Boot aus zu versenken, im Februar 2003 mangels Tauchermasse in letzter Minute gecancelt wurde, hat es im Juni dann endlich geklappt. Nach sechsstündigem Flug von München mit der TACV (Air Cabo Verde) bekommt man beim Anflug auf das Flughäfchen von Sal schon mal einen kleinen Eindruck von dem Inselstaat, der da 500 km vor der afrikanischen Küste mitten im Atlantik liegt. Als hätte jemand das Outback Australiens in den Atlantik verfrachtet, nur roter und brauner Sand und null Vegetation ist zu sehen. Nur etwas hügeliger ist es. Die Anreise artet dann etwas in Stress aus, weil zu unserem regulären 6stündigem Zwischenstopp noch zwei unfreiwillige Stunden hinzukommen. Wegen Maschinenschaden wird unser Weiterflug nach Praia gecancelt (passiert wohl öfter mal), so dass wir erst nachts um halb vier die Planken der Witte Bank unter den Füßen haben. Brutto hat die Anreise 24 Stunden gedauert, ziemlich lange für einen eher kurzen Hüpfer.

Der Stress verfliegt dann schnell, als wir den Hafen von Praia verlassen und an der Westküste der Hauptinsel Santiago gen Norden schippern. Die Witte Bank hat bereits 60 Jahre auf dem Buckel und ist nach Einsätzen als Minenleger, Minenräumer und Fischkutter seit mehreren Jahren in Sachen Tauchsafari unterwegs. Was das Anrödeln des Equipments angeht, hat man sicherlich nicht den Komfort, den man von speziell für das Tauchen entwickelten Booten hat, da eine Taucherplattform fehlt und auch der Einstieg ins Zodiac für die ungelenkeren Zeitgenossen unter der Taucherschar etwas geübt sein will. Dafür gibt es auf dem Sonnendeck und in dem geräumigen Salon mit irre bequemen Ledersofas haufenweise Platz zum Wohlfühlen. Essen ist auch super, kein Grund für eine Crashdiät.

Entlang der schroffen Steilküsten und senkrecht abfallenden Kliffs führt uns die Fahrt zu unserer ersten Tauchstation, der Vogelwand. Die hat ihren Namen von den Seevögeln, die hier seit Jahrhunderten die Klippe vollscheißen, was sich an der unverkennbaren Färbung der Steilwand ausmachen läßt - ganz in Weiß kommt sie daher. Acht Tauchgänge unternehmen wir hier an drei verschiedenen Tauchplätzen. Das Erste, was einem beim Check-Dive auffällt: Trompetenfische, soweit das Auge reicht, Tausende von ihnen. Der Boden ist übersät mit Feuerwürmern, die etwas unangenehm nesseln, wenn man ihnen zu nahe kommt. Dazu Unmengen Seehasen (die Schnecken, nicht die Fische), ein paar Bärenkrebse und Schlangenaale und zwei Muränenarten, die uns in den kommenden zwei Wochen immer wieder begegnen werden: Schwarzohr- und Goldschwanzmuräne, manchmal auch einträchtig nebeneinander im selben Loch hockend. Dazu mehr Igelfische, als ich im gesamten Roten Meer gesehen habe, hier gibt es sie Dutzendweise. Ein netter Platz zum Eingewöhnen jedenfalls. Des Weiteren hat man an der Vogelwand einen riesigen Unterwasserfelsen in einer Tiefe zwischen 10 und 20 m, an dem man locker einen kompletten Tauchgang verbringen kann. Wir starten hier unsere Jagd auf Ammenhaie, die sich gerne unter den Überhängen verkriechen, doch leider erfolglos. Dafür kommen plötzlich drei Mobulas um die Ecke. Von ihren größeren Brüdern, den Mantas, sind sie hier deutlich durch die graubraune Färbung des Rückens zu unterscheiden. Leider sind Mobulas jedoch etwas scheu, so drehen sie nur eine kurze Runde, bevor sie mit eleganten Flügelschlägen in tiefere Gewässer verschwinden. Der dritte Tauchplatz startet an einem der Küste vorgelagerten Überwasserfelsen, von wo aus man entlang eines hübsch senkrecht abfallenden und fett mit gelben Krustenanemonen bewachsenen Dropoffs zurück zum Schiff schwimmt - sofern die Strömung mitspielt und sie einem nicht mit voller Wucht entgegenbläst. In letzterem Fall dreht man einfach ein paar Schleifchen im Strömungsschatten des Felsens und läßt sich dann vom Zodiac abholen. Extrem vorteilhaft ist hier das Mitführen einer Taucherboje, besser nie ohne in kapverdianischen Gewässern.

Nach ein paar vielversprechenden Tauchgängen an der Vogelwand geht es weiter zur Affenbucht. Woher die ihren Namen hat, weiß man spätestens dann, wenn man morgens um 6 aus dem Bett gekreischt wird. Auch in der Affenbucht betaucht man im wesentlichen drei Plätze. Höhepunkt unter ihnen ist der Theaterplatz, an dem wir 12 mal während der zweiwöchigen Tour ins Wasser hüpfen, was ein Drittel aller Tauchgänge ausmacht. An einem bis kurz unter die Oberfläche aufragenden Unterwasserfelsen steigt man ein, über ein Plateau geht's dann in 30 m Tiefe zu einem senkrecht abfallenden Dropoff, an dessen Rand man sich am besten erstmal hinhockt und wartet. Und bei der Hälfte der Tauchgänge heißt es dann irgendwann: Mobula-Alarm! Meist bleiben sie nur kurz, drehen ein, zwei Runden um einen herum und verschwinden dann wieder im blauen Ozean. Um so begeisteter sind wir dann während eines Tauchgangs, als zwei Exemplare handgestoppte 17 min mit uns verbringen. Als weniger scheu entpuppt sich der deutlich größere Manta, der uns während eines Tauchgangs beehrt. Völlig stockt uns dann der Atem, als gleich eine ganze Horde von 11 Mobulas mit spielerischer Leichtigkeit an uns vorbeifliegt. So was kannte ich bis dato nur von Fotos und macht mich richtig high. Aber auch ohne Mobs und Mantas gibt's am Theaterplatz einiges zu sehen. Riesige Schwärme von Drücker- und Doktorfischen haben sich in einer kleinen Höhle versammelt. Dicht an dicht drängen sich die Fischleiber, um ab und an herauszukommen und gegen das Sonnenlicht für gigantische Fotos zu posieren. Einzelne Thunfische und Makrelen patrouillieren weiter draußen, Schulen von 20 und mehr Feilenfischen, die ich bisher immer nur paarweise erlebt habe, trudeln in der im 5 m Bereich recht beachtlich schaukelnden Dünung an der Felswand entlang und natürlich hocken auch ein paar Muränen, Igelfische, Bärenkrebse, Nacktschnecken, Drachenköpfe und Kugelfische in der Gegend herum. Ein paar andere Großfische kann man am Monolith treffen. Im 15 m Bereich hat es hier diverse Überhänge und Höhlen, in denen wir dreimal auf die Suche nach Ammenhaien gehen, die sich dort zur täglichen Rast niedergelassen haben. Zweimal haben wir Glück und treffen auf diese eher schüchternen Zeitgenossen. Während sich manche bei der Belagerung ihrer Höhle durch die neugierige Taucherschar in ihrer Tagruhe nicht stören lassen und einfach hocken bleiben, spurten andere beim Erscheinen der ersten Taucher in weiser Voraussicht davon, was die weiter hinten in der Gruppe tauchenden Buddies zu nicht abdruckreifen Flüchen veranlaßt. Außer einer Sandwolke sieht man dann nicht mehr viel von dem Hai. Der dritte und letzte Platz in der Affenbucht ist die Wand, die wir ausschließlich nachts betaucht haben, was ich nur wärmstens empfehlen kann. Schon beim Abtauchen wuselt Tonnen von Krill vor unserer Lampe herum und auf den Felsen hocken hübsch bunt verzierte Tanzgarnelen. Überall hat es im Schlafdelirium herumdümpelte Trompeten-, Feilen- und Igelfische, die einem keinen Millimeter ausweichen. Gälte nicht "Anfassen verboten", könnte man ihnen problemlos eine Streicheleinheit verpassen. Einige Einsiedlerkrebse tapern im Sand herum und auf dem ein oder anderen Felsen sitzen ein paar knallorange Aprikosenschnecken. Sie sehen tatsächlich aus wie die in Hälften geschnittenen Dosenvarianten des gleichnamigen Obstes. Oft trifft man auf kleine Weißpunkt-Oktopusse, deren Spieltrieb aber deutlich beschränkt ist. Ebenfalls das Weite suchen die frei herumschwimmenden und deutlich genervten Muränen auf der Suche nach einem Versteck vor unseren hell leuchtenden Taucherlampen. Gar nicht stören lassen sich die Bärenkrebse, die gerade einen flotten Dreier hinlegen und sich überhaupt nicht für das interessieren, was da gerade um sie herum passiert. Bei einem Tauchgang treffen wir auf eine Kegelschnecke, die sich gerade zur Nahrungsaufnahme fertigmacht und ihren Schußapparat ausfährt. Interessant auch die vielen ziemlich häßlich aussehenden Spinnenkrabben, die man nur vom Untergrund unterscheiden kann, sobald sie sich bewegen. Ansonsten verschwimmen sie perfekt mit Sand, Steinen und Geröll und man hat null Chance, sie zu sehen. Das Erspähen der vielen mini Zwerg-Drachenköpfe ist ein Klacks dagegen. Um die diversen, wunderbar knallrot im Schweinwerferlicht leuchtenden Riffhummer zu entdecken, muss man dann schon mal wieder tief in Felsspalten schauen, wo sie sich ganz gerne verstecken. Und hat man ganz viel Glück, trifft man auch auf ein überdimensionales Tritonshorn oder den stationären Flughahn. Wie das Ding aus einer anderen Welt sieht er aus, wenn er sich vom Sandboden erhebt und im Lichtkegel der Lampen mit seinen eher wie Flügeln aussehenden, ausgebreiteten Brustflossen im pechschwarzen Ozean verschwindet. Nachttauchen in der Affenbucht - kann ich jedem nur empfehlen, der nicht zwingend großfischgeil ist.

Die Großfischgeilen unter uns kommen dann am nächsten Tauchplatz auf ihre Kosten. Auf unserer Fahrt nach Norden passieren wir bei Baixa de Janela das Plateau, ein riesiges Unterwasserplateau, daß sich bis auf 15 m Tiefe aus dem Ozean erhebt. Begrenzt wird es zu allen Seiten hin durch senkrecht abfallende Dropoffs, die bis 80+ m in die Tiefe gehen. Da die Witte Bank am Plateau nicht ankern kann, geht es direkt vom Schiff aus ins Wasser. Bei langsamer Fahrt wird kurz die Schraube abgestellt und mit einer schwungvollen Rolle rückwärts von der 2 m hohen Bordwand geht's ab ins Wasser und sofort auf Tauchstation, damit einen die evtl. vorhandene Strömung nicht irgendwo dorthin verschlägt, wo man absolut nichts zu suchen hat (zur 80 km entfernten Nachbarinsel Fogo z.B.). Auf dem Plateau halten wir uns gar nicht lange auf, es geht direkt ran an den Dropoff, runter auf 30 m und gemütlich die Wand entlang. Die ist bewuchstechnisch ganz nett anzuschauen, bleibt man allerdings nahe an der Wand, verpaßt man aufgrund der manchmal etwas dürftigen Sicht vielleicht die Kollegen, wegen denen man hergekommen ist: Hammerhaie, ein ganzes Rudel von ihnen. Plötzlich tauchen die grauen Schatten schräg vor uns auf, 20 Tiere zähle ich, und ziehen elegant in 10-15 m Entfernung an uns vorbei: Bloody brilliant, ich bin total hin und weg, auch wenn das Vergnügen nur von kurzer Dauer ist, da mein größtes gezähltes Hammerhai-Rudel bisher aus exakt 3 Tieren an den Brother Islands bestand. Manchmal sollen sie hier wohl auch etwas länger bleiben und die Taucherschar bis in für Hammerhai-Verhältnisse ungewöhnlich flache 15 m begleiten. Zur richtigen Jahreszeit kann man am Plateau mit etwas Glück auch Walhaie erleben und Guide Ralf erzählt auch von einer Tigerhai-Begegnung der adrenalinfördernden Art. Keine schlechte Idee also, hier als Gruppe zusammenzubleiben... Auf 2 von 3 Tauchgängen hier erfreuen uns die Hammer mit ihrer Anwesenheit, beim dritten Mal bleiben sie weg. Dafür werden wir beim Austauchen mit einer Begegnung der besonderen Art belohnt: Ein gemischtes Manta-Mobula-Pärchen schaut auf 5 m Tiefe zu einem kurzen Tänzchen vorbei. Während der kleinere Mobula sich eher zurückhält, vollführt der Manta zu unserer Freude ein paar nette Saltos und Drehungen, bevor er sich nach 10 min mit seiner Begleiterin bzw. seinem Begleiter (keine Ahnung, wer da wer war) zurückzieht. Wir sind jedenfalls trotz fehlender Hammerhaie entzückt von diesem Tauchgang und lassen uns wie die Hühnchen auf der Stange am Seil hängend wieder einsammeln.

Ganz im Norden von Santiago liegt das Örtchen Tarrafal, dessen Strandbar wir nutzen, um den bisherigen Erfolg des Trips bei einer ausgedehnten Jam-Session zu feiern. Jeder schnappt sich ein ihm geeignet scheinendes Instrument und zu Reggae-Rhythmen wird dann getrommelt, geflötet und gezupft. Auf den Plattenvertrag warten wir allerdings bis heute. Taucherisch hat Tarrafal drei Plätze zu bieten. Der erste, an dem wir uns versenken, heißt Kingfisher 1 und ist geprägt durch tolle Felsformationen. Die Felswand fällt senkrecht auf 30 m ab. In den Ritzen hocken viele Muränen und einige Conger. Nach 20 min Tauchzeit gelangt man zu einem Torbogen, der in eine kleine Höhle führt, in der es vor Leben nur so wimmelt, viel Fisch, Garnelen und Krebse findet man hier. Durch einen Tunnel verlassen wir die Höhle wieder und tauchen weiter die Wand entlang, bis uns schließlich die Luft ausgeht. Sehr schöner Platz, den ich gerne öfter getaucht wäre, als die 2x, die wir da waren. Der zweite Platz bei Tarrafal heißt Kingfisher 2 und ist mehr oder weniger die Fortsetzung von Kingfisher 1, d.h. da, wo man Nr. 1 beendet, springt man bei Nr. 2 rein und folgt weiter der Wand. Und das lohnt sich, schon nach kurzer Tauchzeit erreicht man ein paar alleinstehende, riesige Felstürme, die etwa 15 m von der Hauptwand abgesetzt sind. Die Felsen fallen senkrecht bis in über 40 m Wassertiefe ab, tolle Atmosphäre hier. Faunatechnisch findet man Langusten und Muränen. Zurück an der Wand erreicht man alsbald eine riesige Höhle, die von Schwärmen von Schnappern, Soldatenfischen und Doktorfischen bewohnt wird. Direkt hinter der Höhle geht die ansonsten senkrecht abfallende Felswand in einen langgestreckten Überhang über, unter dem man 10 min lang entlangtauchen kann und der von Muränen und Schlangenaalen bevölkert wird. Schließlich erreicht man das Flachwasser und beendet hier einen sehr, sehr schönen Tauchgang, mein Favorit der drei Tarrafal-Plätze. Der 3. Platz heißt Tres Rokas und liegt der Küste ein wenig vorgelagert. Es handelt sich um eine terrassenförmige Untiefe, der Meeresboden erhebt sich aus 40 m Wassertiefe quasi pyramidenartig bis in eine Tiefe von nur noch 5 m. Auch hier hat es viele schöne Felsformationen, Tunnel und Swimthroughs, ein ganz netter Spielplatz eben. Fischmäßig war bei unserem Besuch allerdings nicht allzuviel los.

Fazit: Der Trip zu den Kapverden hat mir super gefallen. Wer unbedingt Korallen haben will, ist hier völlig deplaziert, aber für Großfisch und Steilwände ist das hier der geeignete Spot. Leider musste ich jedoch kürzlich erfahren, daß die Witte Bank im August oder September gesunken ist. Die Kapverden haben damit ihr einziges Safarischiff verloren. Ich hoffe, Skipper Matthias Niemann macht trotz dieses Rückschlags weiter und schafft es, ein neues Schiff aufzubauen und sich weiterhin für den Umweltschutz und gegen den Walfang in den Gewässern um die Kapverden zu engagieren.

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