Big Brother Island

Hurghada und Brothers auf der "Quick Shadow"

März 2017

Jedes Jahr das gleiche Problem, wohin mit dem Resturlaub? Eigentlich hatte ich Bonaire oder Oman im Sinn, aber Oman war mir angesichts der für 2017 noch anstehenden Tauchreisen (Palau, Philippinen, Cocos und Malpelo) zu teuer und Bonaire kam für die lieben Mitreisenden, Vik und Sven, nicht in Frage. Also wurde es doch wieder Ägypten, die Wahl fiel auf eine Brothers-Daedalus-Elphinstone-Tauchsafari auf der Quick Shadow, betrieben von Bluewater Safaris.

Tag 1: DO, 09.03., Hurghada

Am Flughafen wartet schon ein Vertreter des Veranstalters mit dem Visum auf uns und schleust uns durch die Einreise. Auch der Transfer steht schon bereit, so dass wir schon eine knappe Stunde nach der Landung auf dem Boot sind, das in der neuen Marina von Hurghada vor Anker liegt. Wir schlagen die Zeit mit einem Spaziergang durch die Stadt und ein paar Bierchen in einer der zahlreichen Cafes tot. Zurück an Bord gibt es vor dem Abendessen von Guide Olivier noch das obligatorische Bootsbriefing. Da wir über Nacht noch im Hafen bleiben, ist für einen ruhigen Schlaf gesorgt.

Tag 2: FR, 10.03., Hurghada

Wie üblich wartet am 1. Tauchtag ein Badewannenausflug, bei dem man die benötigte Bleimenge testet und schon mal Bojenschießen für die Brothers üben kann. Ansonsten bin ich froh, den Riffen vor Hurghada schon vor 10 Jahren entsagt zu haben. Klar, korallentechnisch ist auch Gota Abu Ramada ganz nett, aber nichts, was einen weitgereisten Taucher noch hinter dem Ofen hervorlockt. Was sicherlich manchmal auch etwas schade ist. Besser gefällt mir da schon die Steilwand von Police Station an der Ostseite der kleinen Giftun-Insel mit all ihren Fächerkorallen und einem Hauch von Schwarmfisch. Nichtsdestotrotz sind alle voller Vorfreude, als wir uns nach dem hervorragenden Mittagessen auf in Richtung Brother Islands machen.

Die Vorfreude währt nur einige Stunden, beim ebenso hervorragenden Abendessen eröffnet uns Olivier, dass wir aufgrund eines Maschinenschadens umkehren mussten und nach Hurghada zurückkehren. Die Quick Shadow besitzt zwar zwei Maschinen, jedoch sei die Fahrt über das offene Meer mit nur einer Maschine zu gefährlich. Kann man nachvollziehen, wenn wir uns auch fragen, wie das bei einem Boot passieren kann, welches frisch aus dem Trockendock kommt. Unsere Tour ist die erste, die die Quick Shadow in diesem Jahr fährt. Gegen 21 Uhr sind wir zurück in Hurghada und unsicher, wie es morgen weitergeht.

Tag 3: SA, 11.03., Hurghada

Es geht so weiter, dass wir mit dem einen Motor weiter vor Hurghada herumfahren und an geschützten Plätzen tauchen, damit der eigens per Schlauchboot eingeflogene Mechaniker arbeiten kann. Im Laufe des Tages soll aus Alexandria ein Ersatzteil eintreffen. Wenn alles gut läuft, fahren wir dann heute Abend mit einem Tag Verspätung zu den Brothers. So starten wir zunächst am Wrack der El Mina, einem im 6-Tage-Krieg von den Israelis versenkten Minenräumboot der ägyptischen Marine. Als wir am Ende des Ankerseils ankommen, ist entgegen der Briefings von einem Minenräumboot allerdings weit und breit nichts zu sehen. Stattdessen ankert die Quick Shadow über einem kleinen Fischkutter, den ein Dutzend Rotfeuerfische sich als neue Heimat ausgesucht hat. Ansonsten gibt es nichts zu sehen. Auch unsere Suche nach dem Minenräumer in der näheren Umgebung bleibt erfolglos, so dass wir nach 35 min einigermaßen durchgefroren wieder auftauchen. Mehr als 20 Grad Wassertemperatur kriegt das Rote Meer leider gerade nicht zustande.

Der nächste Platz heißt El Fanadir North. Auf dem ausgedehnten Sandboden, unter den sich nur ab und zu mal eine Koralle mischt, thront ein fetter Steinfisch. Ansonsten erhält meine Abneigung gegen das Tauchen vor Hurghada neue Nahrung.

Das Briefing zum letzten Tauchgang des Tages an Dorfa El Fanous erinnert unweigerlich an eine kaputte Schallplatte: Wieder ist von Drachenköpfen, Steinfischen und Muränen die Rede, wie schon bei den vorangegangen vier Tauchgängen. Auf dem ausgedehnten Steinkorallengarten ist auch nicht allzuviel los, kaum ein Fisch lässt sich blicken. Auch das Riff finde ich nicht sehr schön. Immerhin steht ganz am Ende noch ein schön bewachsener Erg mit bunten Weichkorallen, eingehüllt in eine Wolke aus Fahnenbarschen und Glasfischen. Ansonsten na ja, kann man machen, kann man auch lassen.

Die bisher trotz allem noch erstaunlich gute Stimmung sinkt, als uns Olivier beim Abendessen eröffnet, dass die Reparatur leider nicht erfolgreich war. Das Ersatzteil aus Alexandria passt nicht, wir werden noch einen weiteren Tag vor Hurghada verbringen müssen. Es soll weiter gebastelt werden mit ungewissem Ausgang.

Tag 4: SO, 12.03., Hurghada

Immerhin startet der Tag mit Umm Gamar ganz erfreulich. Den Dropoff zieren einige Ergs und eine kleine Höhle. Diese ist zwar ziemlich uninteressant, aber die Ergs sind toll bewachsen und mit viel Fisch besetzt. Auch das Riffdach beim Austauchen kommt im frühmorgendlichen Sonnenschein bestens zur Geltung.

Für den 2. Tauchgang können wir nicht an den von Olivier geplanten Platz fahren, da es dort keinen Schutz vor den Wellen gibt und die Mechaniker auf dem schaukelnden Boot nicht vernünftig arbeiten könnten. Also geht es zum Shaab Rhur Umm Gamar, dem "Riff nahe Umm Gamar". Neben den Steinkorallen ziert ein kleines Wrack den Dropoff, das aber eher einem Trümmerhaufen gleicht. Nichts Dolles.

Die Stimmung sinkt weiter, als uns Olivier nachmittags eröffnet, dass er nicht weiß, wie es weiter geht. Sollte die Reparatur bis 1 Uhr nachts abgeschlossen sein, werden wir noch heute Nacht zu den Brothers fahren. Ansonsten werden wir uns auch morgen nochmal den ganzen Tag "an unzähligen Drachenköpfen, Steinfischen, Feuerfischen, Muränen, Nacktschnecken usw. erfreuen", wie es im Tourbericht auf der Facebook-Seite von Bluewater Safaris zu lesen ist. Mir ist nicht klar, ob das sarkastisch bis selbstironisch oder tatsächlich ernst gemeint ist. Während es einige Gäste mit Galgenhumor nehmen, ist bei anderen die Geduld so langsam erschöpft. Vor allem diejenigen, die hier jahrelang gearbeitet haben und jeden Platz wie ihre Westentasche kennen, sind "not amused". Seit Jahren versucht z.B. Vik schon, endlich mal an die Offshore-Riffe zu kommen, aber so wie es aussieht, klappt es auch dieses Mal nicht. Dass wir tatsächlich heute Nacht rüberfahren, glaubt von den Gästen jedenfalls keiner.

Tag 5: MO, 13.03., Hurghada

Die Nacht verläuft ruhig, kein Motorengeräusch stört die Nachtruhe, so dass wir am nächsten Morgen unüberraschenderweise immer noch vor Hurghada liegen. Beim Briefing für den ersten Tauchgang äußern wir den Wunsch, mit dem Veranstalter persönlich zu sprechen, um die Situation zu erörtern. Der Tauchgang an Shaab Abu Galawa gerät so zur Nebensache. Während der Dropoff recht uninteressant ist, sind die Riffdächer immerhin schön bewachsen und auch viel Fisch wuselt in der Morgensonne zwischen den Korallen herum.

Nach dem Frühstück gibt es das erbetene Gespräch mit Bernard von Bluewater Safaris. Wegen behördlicher Bestimmungen darf er nicht persönlich an Bord kommen, so dass wir mit ihm telefonieren. Er äußert sein Bedauern über die Situation und erklärt uns, was in den letzten Tagen alles unternommen wurde, um das Problem zu finden und zu beheben und welche Schwierigkeiten es beim Auffinden passender Ersatzteile für die in Ägypten nicht sehr weit verbreiteten Daewoo-Maschinen gab. Letztendlich kamen mehrere Schäden tief im Inneren der Maschine zusammen, die bei der routinemäßigen Prüfung im Trockendock nicht erkannt werden konnten, aber die eigentliche Ursache sei nun gefunden (Zylinder im Arsch) und der Schaden werde noch im Laufe des Tages behoben, so dass es am Abend immerhin für die letzten zwei Tage noch zu den Brothers gehen soll. Für Daedalus und Elphinstone werde es natürlich nicht mehr reichen. Bernard erklärt außerdem, dass es nicht möglich war, ein Ersatzboot aufzutreiben, da die meisten Boote noch im Trockendock liegen und die bereits fertigen Boote selbst Touren fahren. Kein Veranstalter habe halt mal eben ein Ersatzboot auf Halde liegen. Klingt logisch. Natürlich verstehe er auch unseren Unmut und unsere Enttäuschung und bietet uns als Ausgleich an, dass wir kostenfrei bis Ende 2018 eine weitere Tour auf einem seiner Boote fahren dürfen. Das ist allerdings ein Angebot, das uns jetzt ziemlich überrascht und von (fast) allen als mehr als fair angesehen wird. Hatten wir so nicht erwartet und hebt unsere Laune gleich beträchtlich.

Trotz der guten Neuigkeiten überschreitet die Anzahl der lieber auf dem Sonnendeck verweilenden Gäste inzwischen die derjenigen, die noch ins Wasser springen. Da ich nichts Besseres vor habe, lasse ich den nächsten Tauchgang an Gota Abu Galawa nicht aus. Das ist eine gute Entscheidung, denn in der Lagune verstreut stehen viele schön bewachsene Ergs mit Tonnen von Fisch, eine richtig nette Spielwiese für Fotografen!

Für den letzten Tauchgang des Tages geht es zur Ostseite der großen Giftun-Insel zum Platz Hamda. Der Dropoff gönnt sich einen schönen Steinkorallengarten und auch Fisch ist trotz der schon langsam einsetzenden Dämmerung reichlich vorhanden. Zurück auf der Taucherplattform fragt uns Olivier, ob wir beim Safety Stop den Manta 20 m hinterm Boot gesehen hätten. Nee, is' klar! Wenn's nicht läuft...

Nach dem Abendessen steigt die Spannung: Mit zwei Motoren im Anschlag geht es nach Hurghada, wo wir den Mechaniker von Bord lassen. Dann ist es tatsächlich soweit, die Quick Shadow nimmt bei ziemlicher Welle Kurs Richtung Brother Islands.

Tag 6: DI, 14.03., Big Brother

Um kurz vor 4 Uhr morgens erreichen wir mit 3 Tagen Verspätung unser Ziel. Immerhin wird es kein Rudeltauchen geben, am Großen Bruder liegt nur noch ein weiteres Boot. Für den 1. Tauchgang springen wir vom Heck der Quick Shadow und tauchen am Südplateau ab, in der Hoffnung, einen Fuchshai beim sich Putzen lassen beobachten zu können. Das Glück ist uns aber nicht hold, lediglich eine Kröte kreuzt in der trüben Brühe unseren Weg.

Für Tauchgang 2 geht es per Schlauchboot an die Nordspitze, wo mein Lieblingstauchplatz an den Brothers wartet: Die Numidia ist immer einen Besuch wert. Wie immer geht es durchs Wrackinnere zu der letzten verbliebenen Eisenbahnachse und dann die toll bewachsene Westseite entlang, bis die Luft alle ist und wir uns vom Schlauchboot einsammeln lassen. Fischtechnisch ist der Tauchgang allerdings eine Enttäuschung, es ist genauso tote Hose, wie schon morgens am Südplateau.

Genau dort versuchen wir auch am 3. Tauchgang des Tages unser Glück und dieses Mal ist es mir hold. Schon beim Abtauchen schwimmt bei etwas besserer Sicht als heute Morgen in wenigen Metern ein Fuchshai vorbei. So kann ich endlich meinen Frieden mit dem Südplateau machen, an dem ich zuvor eigentlich nie etwas gesehen habe. Das war es dann allerdings auch, den restlichen Tauchgang lang passiert genau gar nichts, so dass ich mich mal wieder mit Fahnenbarschen in den Korallen auf der Westseite beschäftige.

Tag 7: MI, 15.03., Little Brother

Den letzten Tag verbringen wir als einziges Boot am kleinen Bruder. Zuerst geht es am terrassenförmigen Nordplateau abwärts, natürlich wieder in der Hoffnung einige Freunde mit dreieckigen Flossen und vorzugsweise hammerförmigen Köpfen zu sehen. Eigentlich ist jetzt die beste Jahreszeit dafür. Schade nur, dass die Hammerhaie das nicht wissen. So paddeln wir die gesamte Nord- und Ostseite entlang die 500 m zurück zum Schiff. Die Korallen sind natürlich wie immer super, aber fischtechnisch ist leider absolut tote Hose. Keine Haie, keine Barrakudas, noch nicht mal ein paar Stachelmakrelen. Die einzig verlässlichen Begleiter sind die Flötenfische.

Für den 2. Tauchgang springen wir vom Schiff und betauchen die Südostecke bis zum Gorgonienwald, der sich von 15  bis in eine Tiefe von 50 m zieht. Die Gorgonien sind wirklich toll, ansonsten macht sich die Meeresfauna wie schon heute Morgen äußerst rar.

Das ändert sich auch am letzten Tauchgang nicht. Wir tauchen am Ankerseil der Quick Shadow in die Tiefe und warten einfach mal ein paar Minuten ab. Ein Großer Barrakuda schwimmt vorbei, ansonsten erfreut sich unser Auge am Tiefgrau des Roten Meeres. Irgendwie paradox. Per Kompasskurs geht es zur Westseite, was gefahrlos geht, weil es heute wie auch schon gestern am Großen Bruder praktisch null Strömung hat. Vielleicht auch ein Grund, warum sich die Elasmobranchier dieses Mal nicht blicken ließen.

Nach dem Abendessen machen wir uns auf die Nachtfahrt nach Port Ghalib, dem Zielhafen unserer Tour. Pünktlich um 3 Uhr morgens laufen wir ein. Nach dem Frühstück kommt Bernard aufs Boot, der extra aus Hurghada angereist ist, um nochmal persönlich mit uns zu sprechen. Das vor 3 Tagen mündlich abgesprochene Angebot wird nochmal schriftlich fixiert und von allen akzeptiert. So nimmt eine alles andere als planmäßig verlaufene Safari ein versöhnliches Ende. Während Vik direkt nach Hause fliegt, werden Sven und ich uns noch eine Woche landbasiert vergnügen.

Fazit

Natürlich war die Tour eine Enttäuschung, die Tauchplätze um Hurghada können halt kein Ersatz für Brothers, Daedalus oder Elphinstone sein. Das ist wie Kreisklasse gegen Champions League und mir ist wieder einmal klar geworden, warum ich Hurghada bereits vor 10 Jahren von der Zielgebietsliste gestrichen habe. Nachdem die Gäste nach drei Tagen Hurghada kurz vor der Meuterei standen, war das Telefongespräch mit Bernard und sein äußerst faires Ausgleichs­angebot sehr wichtig, um die Laune wieder zu heben, so dass es am Ende noch drei lustige Tage auf dem Boot waren. Nur schade, dass dann auch in der Champions League nur BATE Borissow am Start war. Brothers im März? Eher nicht wieder. Wobei man sicherlich immer und überall Glück und Pech haben kann. So wird es dann wohl eher der Dezember werden, in dem ich die Gutschrift für die Quick Shadow mit Vergnügen einlösen werde. Denn ansonsten hat mich das Boot absolut überzeugt und wurde dem guten Ruf, den Bluewater Safaris hat, vollkommen gerecht. Die Kabinen sind sauber und bieten viel Stauraum, in der Lounge und auf dem Schattendeck hat man massig Platz, das Essen ist super und die Crew jederzeit freundlich, hilfsbereit und gut organisiert. Die Tauchgänge werden ausführlich gebrieft und sicher durchgeführt, jedoch ohne, dass man von den Guides gegängelt wird, wie ich das anderswo durchaus auch schon erlebt habe. So steht einer erfolgreicheren Wiederholung nichts im Weg.

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