Isla de Malpelo, Kolumbien

Tauchsafari Malpelo auf der Inula

August 2008

"Nie gehört, wo soll das sein?", frage ich. Es ist April 2006, wir sitzen beim 3. Tiger Beer im Layang Layang Island Resort und rekapitulieren unseren morgendlichen Tauchgang, der uns endlich die erhoffte Hammerhaischule gebracht hat. Oliver erzählt uns beim Anblick des Videos von einer kleinen, unerforschten Insel, die irgendwo vor Kolumbien im Pazifik liegt. Hier hat er vor einem halben Jahr riesige Hammerhaischulen gesehen, er erzählt von Tauchgängen, auf denen sie mehrmals Schulen von 300 und mehr Tieren begegnet sind, also ca. 1000 Hammerhaie pro Tauchgang. Was muss das für ein Anblick sein! Irgendwann, so beschließe ich, gucke ich mir das mal live an und Malpelo wandert auf meine doppelseitige DIN A5-Liste der noch zu bereisenden Ziele.

Tag 1: DI, 05.08.

Zweieinhalb Jahre später stehe ich am Flughafen Atlanta in der Schlange und warte darauf, dass die US-Einreiseformalitäten erledigt werden, die auch jeder Transitpassagier über sich ergehen lassen muss. Horrorgeschichten habe ich gehört von Wartezeiten bis zu 6 Stunden und blöden Fragen der Beamten, wobei es sehr unangenehme Konsequenzen haben könne, wenn man genauso blöd antwortete. Die Befürchtungen erweisen sich als unbegründet, nach 50 min bin ich an der Reihe. Das geht in Hurghada manchmal auch nicht schneller. Der Rest geht schnell, der Kollege von der Immigration blättert durch meinen Pass und stellt ein paar Fragen: Wo ich hinwolle, Panama, soso, was ich da wolle, Tauchen, aha, was ich bei meinem Aufenthalt in Ägypten gemacht habe, Terrorcamp, nun gut, Fingerabdrücke rechts (elektronisch), Fingerabdrücke links (auch elektronisch), einmal freundlich in die Kamera gewinkt, na dann guten Flug. Nicht ganz 2 Minuten dauert die Prozedur. Danach bleiben mir 4 Stunden, um die kulinarischen Köstlichkeiten des Flughafens zu erkunden. Die Verpflegung in dem Delta-Flieger, der mich von Düsseldorf aus in knapp 10 Stunden hierhin befördert hat, war ok, aber halt auch nur Flugzeugfraß. Also genehmige ich mir eine opulente Zwischenmahlzeit bei McDonalds, wohl bekomm's, bevor es wieder mit Delta weiter nach Panama City geht, wo wir weitere 4 Stunden später um 20 Uhr Ortszeit landen. Die Einreise nach Panama erweist sich als etwas schwierig, da den Behörden nach 270 der 300 angekommenen Passagiere die Formulare ausgehen. 40 min warten wir letzten Mohikaner, ohne dass es einen Zentimeter vorwärts geht. Hektisch rennen ein paar Beamte durch die Gegend auf der Suche nach Papier, aber nachdem auch der 5. Versuch, neue Formulare aufzutreiben, scheitert, haben die Zöllner ein Einsehen und lassen uns ohne zusätzliches Visaformular durch. Die eigentlich fälligen 15 US$ Visumgebühr müssen wir auch nicht zahlen, sehr nett. Begeistert bin ich auch darüber, dass es Delta geschafft hat, meine beiden Gepäckstücke ohne Verlust von Düsseldorf nach Panama zu transferieren. Dies ist wohl nicht selbstverständlich, weswegen ich auch einen Tag Aufenthalt in Panama eingeplant habe, für den Fall, dass insb. das Tauchgepäck erst mit einem späteren Flieger eintrifft. Beim Verlassen des Flughafengebäudes wartet schon ein junger Mann mit einem Schild "Tauchertraum" auf mich, mit denen ich jetzt schon zum 5. Mal unterwegs bin und mich immer einer perfekten Organisation erfreuen durfte. In seiner Begleitung befindet sich ein blonder Wirbelwind, der sich mir als Sylvia vorstellt und aus unserem schönen Nachbarland Österreich kommt. Da bin ich schon mal froh, dass ich zumindest einen Menschen auf dem Boot verstehen werde, denn ich habe diese Tour nicht als Gruppenreise gebucht und weiß nicht, wer sonst noch dabei sein wird. In Ägypten war ich mal auf einem Boot mit zehn anderen Deutschen und einem Schweden. Da wir Deutschen untereinander unhöflicherweise nur Deutsch gesprochen haben, war der Schwede immer etwas außen vor und ich habe ein bisschen Schiss, dass die Schweden sich dafür auf der Malpelo-Tour rächen wollen. Nach dem Transfer ins durchweg zu empfehlende Crystal Suites Hotel besorgen wir uns an der nahegelegenen Tankstelle noch ein paar Flaschen einheimisches Brauwerk und testen, mit welcher Sorte Bier man in diesem Land am besten über die Runden kommt. Atlas erzielt dabei einen deutlichen Vorsprung vor Balboa.

Tag 2: MI, 06.08.

Der heutige Tag dient dem Totschlagen, unser Weiterflug ins eine Stunde entfernte David, von wo aus die Inula ihre Segel setzt, ist erst morgen früh. Also erkundigen wir uns nach spätem Frühstück an der Rezeption, was es in dieser Stadt so zu sehen gibt. Drei Dinge werden uns angepriesen: ein stadtnah gelegener tropischer Regenwald, in dem man leichte Spaziergänge machen und Affen sehen könne, der Panamakanal und die Altstadt Casco Viejo mit alten Kolonialbauten und ein paar hübsch angestrichenen Häusern. Wir entscheiden uns für die Affen und lassen uns per Taxi zum Parque Natural Metropolitano befördern. Gerade mal 2 US$ kostet die 20 minütige Fahrt, Taxi fahren ist in Panama unschlagbar billig. Nach kurzem Gastspiel im Besucherzentrum, wo wir 1,50$ Eintritt berappen, begeben wir uns auf zwei Rundwege, die uns mitten durch tropischen Regenwald führen. Man kommt sich tatsächlich vor wie im Dschungel, was wohl dem 5jährigen Mädel der englischen Familie, der wir unterwegs begegnen, auch nicht so ganz geheuer ist und die ständig ein "We might get lost" vor sich hinmurmelt. Entzückend. Natürlich gehen wir nicht verloren. Wie es sich für die Tropen gehört, fängt es mittendrin kräftig an zu schütten und wie es sich für echte Touris gehört, sind wir darauf überhaupt nicht vorbereitet. Sylvia rutscht in ihren Flipflops auf dem Matschboden durch die Gegend, bis sie die Nase voll hat und barfuß durch den Urwald latscht. Ob's hier Giftschlangen gibt? Wie auch immer, der Spaziergang ist sehr nett und von einem Aussichtspunkt hat man auch einen tollen Ausblick über die 700.000 Einwohner zählende Stadt und ihr Umland. Von den versprochenen Affen fehlt allerdings jede Spur. Immerhin begegnet uns ein äußerst putziger Südamerikanischer Nasenbär, der sich gar nicht scheu zeigt und ständig mit der Nase im Dreck nach Futter sucht, was ich persönlich sehr sympathisch finde. Nach knapp drei Stunden sind wir rum und Panama City. © Sylvia Maisser Blick auf die westlichen Vororte, wo der Panamakanal in den Pazifik mündet. brauchen drei Minuten, um an der Hautpstraße ein Taxi zu stoppen. Wir bekommen eine Gratisrundfahrt durch Panamas bessere Wohnviertel, da der Fahrer hier erst noch einen anderen Fahrgast, eine offensichtlich gut situierte Dame mittleren Alters, absetzen muss. Beim Anblick der Einfamilienhäuser fühle ich mich spontan an Kapstadt erinnert: die kleinen Grundstücke sind mit hohen Zäunen oder Mauern gesichert. Zusätzlich soll Stacheldraht ungebetene Besucher fernhalten. Alle Fenster sind vergittert, der goldene Käfig lässt grüßen. Offensichtlich ist auch in Panama City die Schere zwischen Arm und Reich ziemlich groß, was der Eindämmung der Kriminalität nicht gerade förderlich ist. Gegen 15.30 Uhr sind wir zurück im Hotel und schlagen den Rest des Tages mit Schlafen, Quatschen, Essen und Biertrinken tot, der Panamakanal und die Altstadt können uns nicht so richtig aus dem Hotel hervorlocken.

Video: Ein Nasenbär wühlt im Dreck [01:05 min]

Tag 3: DO, 07.08.

Der Aeroperlas-Fliegerchen nach David macht gar nicht mal einen so schlechten Eindruck. Nach ausgedehntem Frühstück geht's gegen 10.30 Uhr zum stadtnahen Regionalflughafen Marco A. Gelabert, von wo aus die Inlandsflüge starten. Wegen des hereinbrechenden Gewitters hebt unsere Aeroperlas-Maschine mit dreißig Minuten Verspätung ab. Egal, wir haben ja nichts mehr vor heute. Nach einer Stunde Flug landen wir in David, der Hauptstadt der ganz im Westen Panamas gelegenen Provinz Chiriquí. Nach dreißigminütiger Wartezeit taucht auch der Minibus auf, der uns zum Hafen befördern soll. Er musste erst noch unsere vier Mitreisenden aus dem Hotel abholen. Die erwarteten Schweden erweisen sich dabei als Slowenen mit rudimentären Deutsch-Kenntnissen. Wir werden zum 5 Autominuten entfernten Hafen von Pedregal gekarrt, wo die Inula vor Anker liegt. Skipper Arvid begrüßt uns und zeigt uns unsere Kabinen. In weiser Voraussicht haben sowohl Sylvia als auch ich Doppelkabinen zur Einzelbenutzung gebucht, weil gerade die Kabinen unter Deck arg klein sind und man sich mit 2 Leuten plus Gepäck dort nur schwer umdrehen kann. Umso überraschter sind wir, als wir die größeren Kabinen über Deck zugewiesen bekommen und sich die Für die nächsten zwei Wochen wird der Katamaran "Inula" unsere Unterkunft und Tauchbasis sein. slowenischen Mitreisenden mit zwei Mann pro Kabine unter Deck quetschen. Mich überkommt ein leicht schlechtes Gewissen, aber da sich auf einer 13tägigen Tauchsafari erstmal jeder selbst der Nächste ist, halte ich schön meinen Mund. Nachdem Arvid beim Zoll alle Ausreiseformalitäten erledigt hat, stechen wir um 17.30 Uhr endlich in See. Eigentlich stechen wir erst in den Fluss, denn David liegt nicht am Meer sondern am Rio Platanal, der sich schlangenartig durch einen riesigen Mangrovenwald mäandert. Mit dem Rio Chiriquí vereint er sich dann zu einem breiten Strom, der schließlich nach drei Stunden Fahrt in den Pazifik mündet. Weiter geht es heute nicht mehr, wir werfen die Anker und verbringen im Schutze einer ausgedehnten Sandbank die Nacht.

Tag 4: FR, 08.08.

Ankunft an der Insel des Todes Um 6 Uhr ist die Nacht vorbei, die Diesel werden angeworfen und weiter geht die Fahrt gen Süden. Nach drei Stunden erreichen wir unseren ersten Tauchplatz, die "Isla Muerta" (Insel des Todes) - ein vielversprechender Name für einen entspannten Eingewöhnungstauchgang. Unter Wasser präsentiert sich die Insel gar nicht so tot, wenn auch wenig spektakulär. Vom Fischleben her fühle mich spontan an Galapagos erinnert, was angesichts der gerade mal gut 1200 Kilometer, die zwischen hier und dem ecuadorianischen Archipel liegen, auch nicht verwundert: Galapagos-Kaiserfische, Perlhuhn-Kugelfische, Gringo-Grunzer, Langstachel-Igelfische, Grüne Muränen, Tüpfelmuränen, Orangeside Drücker und überhaupt nicht verspielte Spielende Drachenköpfe kennt man alle schon von dort. Hübsch auch die vielen, winzigen Panamic Barnacle Blennies, die erwartungsvoll aus ihren Seepocken in die Welt schauen. Ein Tauchgang nach dem Motto "Gut zum Eingewöhnen", auch dank der molligen 27 Grad Wassertemperatur. Ob die wohl so bleibt? Die Hitze scheint meinem Buddy aber etwas zu Kopf zu steigen, denn am Ende des Tauchgangs entledigt sich Sylvia ihrer Ausrüstung und reitet lasso- respektive oktopusschwingend auf der Tauchflasche umher. Auch eine Möglichkeit, sich beim Sicherheitsstopp die Zeit zu vertreiben... Zwei Stunden später und ein paar Kilometer weiter südlich geht es an La Bruja erneut ins Wasser. Gleich am Anfang schwimmt eine Dorade dicht unter der Wasseroberfläche vorbei. Nur selten sieht man als Taucher diesen Fisch, da er im offenen Ozean lebt. Schwärme von Barrakudas, Schnappern und Stachelmakrelen geben uns schon mal einen kleinen Vorgeschmack auf den Fischreichtum, den wir hoffen, in drei Tagen vor Malpelo zu sehen. Wir beobachten eine Grüne Muräne, die sich mit einer Zebramuräne zankt. Ein Sieger des Duells ist jedoch nicht zu ermitteln, also ziehen wir weiter an der Felswand entlang. Sylvia bleibt etwas zurück und lichtet etwas ab, was ich nicht erkennen kann. Als sie wieder aufschließt, hält sie erst ihre Hand senkrecht über den Kopf und anschließend die Arme weit auseinander. "Mist", denke ich nur, habe wohl gerade einen großen Knorpelfisch verpasst. Leider weiß sie nicht so genau, was es für einer war, aber einen bulligen Körper habe er gehabt. Da der Rest des Nachmittags nur noch aus Fahrerei gen Süden besteht, haben wir genügend Zeit, das leider etwas unscharfe Foto mit diversen Bildern in Bestimmungsbüchern zu vergleichen. Nach stundenlangem Hin und Her sind wir schließlich sicher, dass es sich um einen Bullenhai gehandelt hat, laut Arvid der erste, der hier jemals während einer Tour gesichtet wurde. Na, das ist doch schon mal ein vielversprechender Anfang.

Video: Tauchflaschen reitendes U/W-Cowgirl [01:12 min]

Tag 5: SA, 09.08.

Am frühen Morgen werden die Maschinen angeworfen und wir steuern unseren nächsten Tauchplatz an, die Banco Hannibal. Sie befindet sich im offenen Ozean, weit und breit ist keine Insel, kein Riff, einfach Nichts in Sicht. Daher führen wir diesen Tauchgang in der Gruppe durch, wobei jeder Taucher natürlich eine Sicherheitsboje dabei haben muss. Zügig tauchen wir nach dem Sprung ins Wasser Richtung Meeresgrund ab, der sich hier bis in ca. 60 m Tiefe erhebt. Bei 52 m stoppen wir den Abstieg und schauen mit großen Augen den gut und gerne 100 Hammerhaien nach, die sich direkt unter uns davonmachen. Leider sind sie gegen den Meeresboden nur schlecht zu erkennen, aber wer will angesichts dieses Anblicks schon meckern? Nachdem die Haie weg sind, haben wir Zeit unsere Köpfe wieder nach oben zu wenden und fassungslos mit dem Kopf zu schütteln: ein gigantischer Schwarm aus Roten Schnappern und Großaugen-Stachelmakrelen schwimmt gemächlich vor uns her, begleitet von ein paar Bernsteinmakrelen und Regenbogen-Rennern, es müssen Tausende Tiere sein! In der Ferne können wir untrüglich Delfingeschrei vernehmen, die Verursacher der Geräusche lassen sich aber leider nicht blicken. Noch ganz baff von dem soeben Gesehenen nehmen wir zurück an Bord unser Frühstück ein und können es kaum erwarten, in 2 Stunden hier erneut reinzuspringen. Was wir dann auch tun. Hammerhaie sind diesmal leider keine da, aber wieder leistet uns der Riesenschwarm eine halbe Stunde lang Gesellschaft. Als wir von der Gruppe getrennt werden, setzen wir die Boje und lassen uns noch etwas in der Gegend herumtreiben. Gerade als wir auftauchen wollen, erscheinen die Urheber des Geschreis aus dem ersten Tauchgang: einige Große Tümmler ziehen vorbei, riskieren einen kurzen Blick auf das Treibgut und verabschieden sich dann mit besten Empfehlungen. Mit breitem Grinsen klettern wir zurück aufs Boot und bereiten uns seelisch auf lange 38 Stunden vor, die nun folgen werden: 2 Nächte und 1 Tag Fahrerei liegen vor uns. Gut, dass ich mit genügend Lesestoff versorgt bin. Zur Not hat es aber an Bord auch ein gut ausgestattetes Bücherregal.

Video: Fischsuppe und Delfine an der Banco Hannibal [01:31 min], © Sylvia Maisser

Tag 6: SO, 10.08.

Auf hoher See Ein ganzer Tag auf See. Die Überfahrt ist am Anfang etwas rauh, hart schlägt der Rumpf der Inula immer wieder auf die Wellen auf. Dass der Katamaran dies klaglos aushält, finde ich einigermaßen überraschend, aber ich hab ja auch keine Ahnung von Booten. Am Mittag lässt der Wind nach und die Überfahrt wird ruhiger. Leider verzieht sich auch die Sonne und macht einem grauen, wolkenverhangenen Himmel Platz. Dass dies das Standardwetter für die nächsten 14 Tage sein wird, wissen wir zu diesem Zeitpunkt zum Glück noch nicht.

Tag 7: MO, 11.08.

Morgens um 1 Uhr wache ich von lautem Vogelgeschrei auf. Beim Blick aus dem Fenster erblicke ich einen Schwarm Rotfußtölpel, der neben dem Boot herfliegt und offenbar vor hat, uns für den Rest des Weges bis Malpelo zu begleiten. Was er dann auch tut. Einer ist ganz geschickt, spart sich die Energie und fährt gleich als blinder Passagier mit. Gegen 4 Uhr lassen sich in der Ferne bei dem hellen Mondschein und sternklarem Himmel die Umrisse einer Insel ausmachen: Malpelo rückt näher. Um 5.30 Uhr, gerade rechtzeitig zur Morgendämmerung, Malpelo von oben. haben wir endlich unser Ziel erreicht und machen an einer Mooring am Nordende Malpelos fest. Volle 6 Tage hat es gedauert, um die finale Destination zu erreichen, ich glaube, das war meine längste Anreise ever. Nun ja, dass man eine 3,5 Quadratkilometer große Felseninsel, die 500 km westlich des kolumbianischen und noch etwas weiter südlich des panamesischen Festlandes im Pazifik liegt, nicht per Direktflug erreicht, ist ja klar. Nach dem Frühstück gibt Arvid erstmal ein ausführliches Tauchbriefing. Die Planung für die nächsten 10 Tage sieht so aus, dass wir zunächst die meisten der gut 20 Tauchplätze 1x besuchen und uns während der zweiten Hälfte des Trips auf die Plätze konzentrieren, an denen wir die besten Begegnungen hatten. Wegen der exponierten Lage hier, den steilen Felswänden der Insel, die ein Betreten vom Wasser aus unmöglich machen, und den oft starken Strömungen Die Inula vor Anker am Nordende Malpelos. Im Hintergrund sieht man die drei Musketiere ("Los Tres Mosqueteros"). Inula ist die Sicherheit bei den Tauchgängen natürlich oberstes Gebot. Hier verloren zu gehen, ist eine ganz schlechte Idee. Jeder Taucher muss daher (natürlich) eine Boje und eine Lampe dabei haben, um sich bemerkbar machen zu können. An den weiter vom Ufer entfernt liegenden Plätzen wird nur in der gesamten Gruppe getaucht, wobei Arvid den Guide mimt und eine Oberflächenboje hinter sich herzieht, so dass das Schlauchboot der Gruppe folgen kann. Verliert man die Gruppe, ist sofortiges Boje setzen und Auftauchen angesagt. An diesen exponierten Plätzen hat man die besten Chancen, Hammerhaischulen zu sehen, allerdings bleiben diese dann relativ weit entfernt, weil sie Tauchertrauben sehr scheuen. An den direkt am Ufer liegenden Plätzen darf auch in Buddy-Paaren getaucht werden, was die Chance auf intimere Begegnungen mit den Haien deutlich erhöht.

So gebrieft springen wir erwartungsfroh zunächst am Altair de Virginia ins Wasser, der an der Nordostseite Malpelos liegt und einer der Plätze sein soll, die schon mal für eine Hammerhaibegegnung gut sind. Wir sind noch keine 5 min unterwegs, da schwimmt schon die erste Schule mit 40 Tieren an uns vorbei. Allerdings ist sie ziemlich weit weg und das Vergnügen dauert nur wenige Sekunden, aber immerhin, ein guter Start. Wie ich es schon aus Galapagos kenne, schwimmen Tonnen von Tüpfelmuränen am Riffhang herum, vom Verstecken in Felsspalten halten sie nicht viel. Rechts von uns passiert uns mehrfach eine Armada aus Ozelot-Zackenbarschen, es geht zu wie auf der Inneren Kanalstraße im Berufsverkehr. Ein paar Blauflossen-Stachelmakrelen und Bernsteinmakrelen haben sich inkognito unter sie gemischt. Begeistert sind wir auch von den 2 Adlerrochen, die gemächlich durchs Blauwasser fliegen, nichts ahnend, dass Adlerrochenbegegnungen in den nächsten 10 Tagen an der Tagesordnung sein werden. An den Altair de Virginia fügt sich nahtlos der Platz Ghost Face (oder auf Spanisch auch etwas klingender La Cara del Fantasma) an, an dem man den Tauchgang i.d.R. beendet. Hier finden sich die schönsten Korallen und Schwämme rund um Malpelo, wunderbar bunt und farbenfroh, was ich mitnichten hier erwartet habe. Und Fisch hat es auch reichlich, von jeder Menge Sternen-Zackenbarschen über kleine Korallenwächter und Panama-Blennies bis hin zu Igel- und Kugelfischen, Skorpionsfischen, Schnappern, Doktor-, Kaiser- und Drückerfischen ist einiges vertreten. Highlight ist aber mit Sicherheit die riesige Schule Pelikan-Barrakudas, die sich direkt unter der Wasseroberfläche tummelt und sich in der Sonne aalt - ein brilliantes Tauchergefühl, in diesen Schwarm hinein zu schwimmen und von Tausende Tieren umkreist zu werden, so dass man das Wasser vor lauter Barrakudas nicht mehr sieht. Unvergleichlich! Wenn man mit dieser Schule fertig ist, begibt man sich in den direkt nebenan hausenden, ebenso großen Schwarm Jordan-Schnapper. Genialer Tauchplatz!

Video: Barrakudas am Altar [02:23 min], © Sylvia Maisser
Video: Ozelote und Doktoren am Altar [00:50 min], © Sylvia Maisser

Nach dem tollen morgendlichen Auftakt geht es am Mittag am Südende Malpelos am Platz David zum zweiten Tauchgang ins Wasser. Dieser Platz gehört zu den exponierteren Plätzen, die nur als Gruppe betaucht werden. Beim Sprung vom Schlauchboot landen wir direkt über einer Gruppe von 50 Hammerhaien, die sich daraufhin freundlich, aber bestimmt, entfernt. Wir müssen im Blauwasser hart gegen die Strömung schwimmen, um die Position zu halten und nicht weggeweht zu werden. Ein paar Galapagoshaie, die am Meeresboden in 40 m Tiefe herumkreuzen, können darüber nur müde lächeln. Am Ende des Tauchgangs sichten wir ein paar weitere Hammerhaie, die aber - wie angekündigt - recht weit entfernt bleiben.

Nach ausgiebigem Mittagessen und einem kleinen Nachmittagsschläfchen, heißt es um 15.30 Uhr wieder Fertigmachen zum Tauchen. Unsere slowakischen Mittaucher müssen aber nach dem Briefing erst noch ihre Profi-D-SLR-Kameras von Makro auf Weitwinkel umbauen, so dass noch 30 min ins Land gehen, bevor wir endlich los können. Manchmal bin ich froh, dass mir meine Kompaktknipse nur einen überschaubaren Spielraum bei der Wahl des zu verwendenden Objektivs lässt... Nach 15 minütiger Schlauchbootfahrt springen wir am Bajo Suani, dem südlichsten Platz Malpelos, ins Meer. An diesem kleinen Unterwasserfelsen, der bis in eine Tiefe von 18 m reicht, stehen Tonnen von Fisch in der Strömung: Ozelot-Zackenbarsche, Stachelmakrelen, Gelbflossen-Thune, Schnapper, Regenbogenrenner, und, und, und. Das Highlight wartet aber nach dem Tauchgang auf uns. Als wir schon Warten auf die Silkies zurück auf dem Schlauchboot sind, springt Arvid in Schnorchelausrüstung nochmal ins Wasser und klatscht mit Händen und Flossen laut auf der Wasseroberfläche herum. Zunächst gucken wir ihm amüsiert zu, aber als er erzählt, dies würde Seidenhaie anlocken und er es anscheinend völlig Ernst damit meint, unterstützen wir ihn bei seinen Bemühungen. Lange Zeit passiert nichts, doch nach 15 Minuten - gerade als wir unsere Haiflüsterversuche einstellen wollen - taucht tatsächlich der erste Silky unter uns auf. Ein paar weitere gesellen sich kurze Zeit später hinzu, so dass wir schließlich 10 noch recht junge Silkies um uns rum haben und einige Minuten mit ihnen schnorcheln können.

Video: Seidenhaie am Bajo Suani [00:54 min], © Sylvia Maisser

Eigentlich ist das Tagwerk damit erfüllt, doch unter unseren slowakischen Gesinnungsgenossen befinden sich zwei radikale Nachttauchfans. Normalerweise gehören Nachttauchgänge an Malpelo nicht zum Standardprogramm, nichtsdestotrotz versucht Arvid netterweise auf dieser Tour an fast jedem Abend einen Nachttauchgang zu ermöglichen, was einigen organisatorischen Zusatzaufwand erfordert und natürlich nur möglich ist, wenn die Strömungsverhältnisse es erlauben - was bedeutet, dass es keine Strömung haben darf. Den ersten Nachtabstieg gibt es sogleich am Bajo Monstruo. Was an diesem Unterwasserfelsen monstermäßig sein soll, erschließt sich mir nicht ganz, der Nachttauchgang ist jedoch ganz nett und fördert den üblichen Riffkleinkram zu Tage, der sicherlich nett anzusehen, aber nicht der Grund ist, weswegen man nach Malpelo kommt. Der erste Tag auf Malpelo hat jedenfalls schon mal richtig Lust auf Meer gemacht.

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