März 2025
Um 5:30 Uhr ist die Nacht vorbei. Per Taxi geht es zum Flughafen, wo sich am Schalter von South African Airlink schon alle Teilnehmer dieser Waterworld-Gruppenreise eingefunden haben. Wegen der peinlich genauen Kontrolle der Reiseunterlagen dauert der Check-in etwas: Man muss unbedingt den Nachweis über eine Reisekrankenversicherung mit Höhe der Deckungssumme, einen Unterkunftsnachweis sowie ein Rückflugticket vorweisen können. Ansonsten ist an dieser Stelle Feierabend. Mit leichter Verspätung hebt Flug 4Z338 um 9:15 Uhr Richtung Walvis Bay ab, wo der Flieger nach 2:15 Std. einen "technischen Zwischenstopp" einlegt – sprich: Auftanken und Wetterbedingungen prüfen. Das ist eine gute Idee, denn die Landung auf St. Helena ist eine der anspruchsvollsten der Welt, da der 2016 eröffnete Flughafen auf einer windanfälligen Steilklippe liegt. Nicht selten passiert es, dass der Flieger nach dem dreistündigen Flug über den Atlantik wegen starker Scherwinde nicht direkt landen kann. Maximal 4 Anflüge probieren die Piloten dann, bis es notfalls drei Stunden zurück über den Atlantik nach Namibia geht, denn einen Ausweichflughafen gibt es nicht. Dass es nur eine Flugverbindung pro Woche gibt, erhöht zusätzlich die Spannung, ob man reibungslos auf St. Helena ankommt oder sich unfreiwillig Namibia angucken darf.
3 Stunden nach dem Abheben in Walvis Bay erscheint linkerhand das 121 km² kleine Eiland im Atlantik, 1.850 Kilometer von der Westküste Afrikas entfernt. Menschen mit Flugangst gucken jetzt besser nicht aus dem Fenster, denn der Anblick der direkt an der Steilklippe beginnenden Landebahn kann schon etwas furchteinflößend sein. Unsere Landung verläuft aber sanft und reibungslos; pünktlich um 13 Uhr setzen wir auf der Piste auf. Am Ausgang erwarten uns schon Craig und Keith Yon von Dive Saint Helena und bringen uns nach Jamestown, wo wir in unterschiedlichen Unterkünften einchecken.
Wie auch ich, haben sich die meisten der 12 Teilnehmer (plus Waterworld-Reiseleiterin Lara) für die einfache Blue Lantern Divers Lodge entschieden, die von Keith betrieben wird und schon ein wenig Jugendherbergscharme versprüht: Die acht einfachen Zimmer sind rustikal möbliert und mit einem Deckenventilator ausgerüstet, der eigentlich im Dauerbetrieb laufen müsste, um bei dem feuchtheißen Klima auf St. Helena für eine angenehme Zimmertemperatur zu sorgen. Wohl dem, dem Zugluft beim Schlafen nichts ausmacht. Dafür punktet das Blue Lantern mit einem großen Gemeinschaftsraum, in dem man nach den Tauchgängen zusammenhocken kann, und sehr gutem Essen, das im angeschlossenen Restaurant gereicht wird. Auch WLAN steht in Form von Vouchern mit unterschiedlichen Laufzeiten gegen eine Extra-Gebühr zur Verfügung. Seit Oktober 2023 ist St. Helena über ein Glasfaserkabel ans Internet angeschlossen. Highspeed-Internet darf man zwar wegen der veralteten Infrastruktur "auf der letzten Meile" trotzdem nicht erwarten, aber zum einfachen Surfen im Netz reicht es.
Wer es etwas luxuriöser braucht, kann, wie eine vierköpfige Splittergruppe bei uns, im erheblich gehobeneren Mantis Hotel um die Ecke einchecken, was natürlich einen deutlich tieferen Griff ins Portemonnaie verlangt.
Nachdem sich alle eingerichtet haben, gibt Craig ein ausführliches Tauchbriefing, das sich wie folgt zusammenfassen lässt: Treffpunkt ist morgens um 8:15 Uhr an der Tauchbasis, die sich im Hafen von Jamestown befindet und eigentlich nur eine kleine Lagerhalle ist. Nach dem Anrödeln geht es mit dem Boot raus zu den Tauchplätzen, die sich allesamt entlang der Nordküste St. Helenas befinden, da Wind und Welle auf den anderen Inselseiten fast nie Tauchgänge zulassen. Die maximale Fahrzeit beträgt 25-30 Minuten. Es werden zwei Tauchgänge mit einer Oberflächenpause von einer Stunde durchgeführt. Die maximale Tauchzeit beträgt 60 Minuten, die Maximaltiefe 40 m, wobei sich die meisten Tauchgänge hauptsächlich zwischen 15 und 25 m abspielen werden. In der Regel ist man gegen 12:30 Uhr zurück an der Basis. Am Nachmittag gibt es keinen Tauchbetrieb, sodass man genügend Zeit hat, die Insel über Wasser zu erkunden. Hierzu benötigt man zwingend einen Mietwagen, wovon es nur vier auf der Insel gibt – allesamt zu buchen über Keith oder besser schon bei Buchung der Reise über Waterworld.
Nach dem Briefing karren wir unser Gerödel zur Tauchbasis und bereiten das Equipment für morgen vor. Anschließend übernehmen wir die Mietwagen, sodass wir morgen nach den Tauchgängen direkt auf Erkundungstour gehen können. Beim gemeinschaftlichen Abendessen im Blue Lantern beweist der Koch, dass er sein Handwerk versteht und kredenzt uns ein hervorragendes Potpourri lokaler Gerichte. Nur auf ein Feierabendbier müssen wir leider verzichten: Die Biervorräte sind erschöpft und die Container des gestern angekommenen Versorgungsschiffs, welches die Insel einmal im Monat beliefert, sind noch nicht entladen. Mit solchen Versorgungsengpässen muss man rechnen, wenn man auf einer abgelegenen Insel im Atlantik weilt.
Nach dem reichhaltigen Frühstück. marschieren wir die 10 Minuten zur Tauchbasis, rödeln uns an, beladen das Boot und schon sind wir auf dem Weg zu unserem ersten Tauchplatz: Billy May's Revenge liegt auf halbem Weg von Jamestown zur Westspitze und gehört zu den beliebtesten Tauchplätzen der Insel. Beim Sprung ins Wasser sticht - wie erwartet - sofort die karge atlantische Unterwassertopografie ins Auge. Wer mit einem Hauch von Koralle gerechnet hat, hat sich schlecht informiert. Die Szenerie ist geprägt von zahlreichen großen Felsblöcken, Überhängen und Spalten, die kleineren Meereslebewesen reichlich Versteckmöglichkeiten bieten. Wir treffen vor allem auf Langusten, Schulen von Soldatenfischen und einige Muränen. Insgesamt ein schöner Auftakt bei angenehm temperierten Wasser (24°C) und Sichtweiten zwischen 20 und 30 m.
Die Oberflächenpause nutzen wir, um zu unserem nächsten Tauchplatz zu tuckern, wobei uns netterweise eine große Schule Schlankdelfine (200-300 Tiere) Gesellschaft leistet. Dies ist die häufigste Delfin-Art vor Sankt Helena. Die Tiere sind vor allem morgens sehr aktiv und vollführen teils spektakuläre Sprünge, wenn sie in Spiellaune sind.
Unser zweiter Tauchgang an der Long Ledge startet mit der Erkundung einer durchschwimmbaren Höhle, die in der Mitte ein Oberlicht ziert. Beim Briefing hat Craig uns gewarnt, nicht darunter herzuschwimmen, da das Wasser durch das Oberlicht nach oben gesaugt wird und wir sonst an die Decke gezogen werden könnten. Also halten wir uns schön am Rand der Höhle und treiben eine große Schule Soldatenfische vor uns her, der sich schließlich wie ein Vorhang in zwei Hälften teilt. Orangefarbene Becherkorallen säumen die Höhlenwände und sorgen für leuchtende Farbtupfen im Lichtkegel der Lampe. Nach dem Durchschwimmen der Höhle geht es immer an der Wand entlang. Wir treffen auf kleine Gruppen des endemischen St.-Helena-Falterfisches, ebenso endemische Papageifische und einige Drachenköpfe. Wir drehen eine große Runde und beenden unseren Tauchgang nach einer Stunde mit dem erneuten Durchschwimmen der Höhle, durch die wir gestartet sind. Insgesamt war es ein schöner erster Tauchtag, wenn sich auch die Artenvielfalt noch nicht so präsentiert hat, wie es die Literatur verspricht. Angeblich gehört der Küstenabschnitt zwischen Long Ledge und Billy May's Revenge zu den artenreichsten der gesamten Insel.
Nach 4 Stunden sind wir zurück im Hafen. Wohl dem, der an Sonnenschutz gedacht hat, denn da das Boot nicht überdacht ist, sieht man ansonsten jetzt aus wie ein Hummer im Kochtopf!
Nach einer zweistündigen Siesta schnappen Silke, Jürgen und ich uns um 15 Uhr unseren Nissan Note und gehen auf Inselerkundung. Das Autofahren auf dem britischen Überseegebiet ist - mal ganz abgesehen vom Linksverkehr - am Anfang etwas gewöhnungsbedürftig: Der Großteil des 138 km langen Straßennetzes (davon 20 km unbefestigt) ist einspurig und es geht eigentlich immer entweder rauf oder runter. Das bergauffahrende Auto hat Vorfahrt vor dem bergab fahrenden, auch wenn das bedeutet, dass dieses beliebig lange bis zur nächsten Ausweichbucht zurücksetzen muss. Die generelle Geschwindigkeitsbegrenzung beträgt 30 mph (ca. 48 km/h), kann aber an bestimmten Stellen auch niedriger sein, ohne dass dies extra gekennzeichnet ist. Schneller geht es sowieso fast nirgends, da der Zustand der Straße und die unübersichtlichen Kurven dies nicht zulassen. Einen ausführlichen Bericht über das Autofahren auf St. Helena kann man hier nachlesen.
Um 18 Uhr sind wir zurück im Hotel, gerade noch rechtzeitig, um uns ausgehfein fürs gemeinsame Abendessen in Anne's Place zu machen. Das Gebäude in den Castle Gardens beherbergte ursprünglich die staatlichen Stallungen und hat sich seit der Eröffnung als Imbiss im Jahr 1979 zu einem Restaurant, Café, Veranstaltungsort und Treffpunkt für Segler aus aller Welt gemausert. In Seglerkreisen ist das Restaurant angeblich eine Legende, in etwa vergleichbar mit Peter Café Sport auf den Azoren. Ob das stimmt, können wir zwar nicht beurteilen, aber dass insbesondere die Fischgerichte ganz hervorragend sind, können wir bestätigen. Zu unserer Überraschung sind die Preise auch sehr zivil und legen leicht unter den Preisen in Deutschland. Das gilt allgemein für die Gastronomie auf St. Helena.
Unseren zweiten Tauchtag beginnen wir mit Torm's Ledge, dem westlichsten Tauchplatz der Insel: Es handelt sich um einen Unterwasserberg, der sich vom Meeresboden in 45 m Tiefe bis auf 10 m unter die Wasseroberfläche erhebt. Eine große Schule St.-Helena-Falterfische wuselt um den Berg, den wir während des Tauchgangs einmal umrunden. Eigentlich soll der Platz auch gut für die Begegnung mit pelagischen Arten sein, aber bis auf ein paar Wahoos und einer einsamen Bernsteinmakrele bleiben die Hochseebewohner aus. So bleibt als einziges Highlight diese So-Lala-Tauchgangs der in diesen Gefilden äußerst seltene Gelbrücken-Zwergkaiser in Erinnerung, den wir am Ende des Tauchgangs noch in 30 m Tiefe in einer Felsspalte aufstöbern.
Während der Oberflächenpause bekommen wir Besuch vom größten Fisch des Planeten. Eigentlich ist jetzt die beste Zeit für Walhaisichtungen vor St. Helena, denn zwischen Dezember und März kommen sie hierher, um sich fortzupflanzen. Craig erzählt, dass sie sich letztes Jahr um die Zeit vor Walhaien kaum retten konnten, sie waren überall. Dieses Jahr ist es leider anders, aber es ist wie es ist: Wir hüpfen auch gerne zu dem einen Kollegen ins Wasser und schnorcheln mit ihm.
Nach eineinhalb Stunden Schnorcheln fahren wir weiter zum nächsten Tauchplatz, dem Wrack der Bedgellet. Das Schiff wurde nach St. Helena gebracht, um bei der Bergung der Papanui zu helfen, die wir später noch betauchen werden. Während eines Sturms riss sich die Bedgellet jedoch aus ihrer Verankerung und beschädigte neben sich selbst auch andere Boote im Hafen. Am 4. April 2001 wurde sie daraufhin unweit von Long Ledge als künstliches Riff versenkt und liegt seitdem in 18 m Tiefe aufrecht auf dem Meeresgrund.
Wie es sich für ein Wrack gehört, wuselt es vor Leben, wobei allerdings nichts dabei ist, was wir nicht auf den ersten drei Tauchgängen schon gesehen haben: Falter- und Soldatenfische in großen Schulen, Langusten, Muränen und natürlich Trompetenfische, die man vor St. Helena an fast allen Tauchplätzen hat. Nach der Erkundung des Wracks wechseln wir zur nahegelegenen Long Ledge und erkunden wie gestern die Tunnel und Spalten im Riff, bevor wir nach einer Stunde zum Wrack zurückkehren und locker austauchen.
Nach der wegen des Walhaischnorchelns verspäteten Mittagspause starten Silke, Jürgen und ich am Nachmittag zu einer dreistündigen Erkundung der Gegend rund ums Lemon Valley im Norden der Insel. In Bildern stellt sich die Exkursion wie folgt dar:
Zum Zwecke des Vergleichs nehme ich das Abendessen heute im Mantis Hotel zu mir. Der Vergleich ergibt keinen Sieger, sowohl Anne, das Blue Lantern als auch das Mantis können geschmackstechnisch überzeugen, wobei das Mantis die hochpreisigste Option ist.
Der erste Platz am dritten Tauchtag heißt Lighter Rock. Der Felsen liegt unter Wasser und ragt nur minimal über die Wasseroberfläche hinaus. Seinen Namen hat er von seiner wesentlich helleren Farbe im Vergleich zum dunklen Vulkangestein der umgebenden Steilküste. Unter Wasser ist der Fels über einen Grat mit Cat Island verbunden, wo es auch einen 15 Meter langen Tunnel zum Durchtauchen gibt, den wir uns naürlich nicht nehmen lassen. Ansonsten gleichen Topografie und Fischleben dem schon Gesehenen. Lediglich eine große Schule Rundmakrelen ist Neuankömmling im Logbuch.
Die Oberflächenpause verläuft ähnlich wie die gestrige: Walhaialarm! Diesmal sind es sogar 2 Individuen, wobei sich eins ziemlich schnell verdünnisiert und das andere auch deutlich scheuer ist als unser Freund gestern. So dauert die heutige Schnorcheleinlage nur eine Dreiviertelstunde. Abgerundet wird sie von einem knapp unter der Wasseroberfläche herumschwimmenden Hammerhai.
Nach der Schnorchelei geht es zur Red Island, die sich topografisch deutlich von den bisher gesehenen Plätzen unterscheidet. Um eine ausgedehnte Sandfläche zieht sich halbkreisförmig ein flaches Riff aus Vulkangestein, an dem wir entlangtauchen und uns der marinen Kleinlebewesen erfreuen. Nicht spektakulär, aber eine schöne Spielwiese, nicht nur für Fotografen.
Am Nachmittag mache ich auf faul und mache lediglich einen ausgedehnten Spaziergang durch Jamestown. Letzlich bedeutet das in dem 625-Einwohner-Dorf, das seit 1859 den Rang einer Stadt innehat, einen Zeitaufwand von 40 Minuten.
Neuer Tag, neues Wrack: Die RFA Darkdale war ein britischer Tanker der Königlichen Hilfsflotte (RFA = Royal Fleet Auxiliary) und lag am 22. Oktober 1941 vor Jamestown vor Anker, als sie vom deutschen U-Boot U-68 torpediert wurde. Innerhalb weniger Minuten entzündete sich die Ladung aus Heizöl, Flugbenzin, Diesel- und Schmieröl und explodierte. Beim Untergang des Schiffs kamen 41 Besatzungsmitglied ums Leben, 8 Matrosen überlebten den Beschuss. Das 142 m lange Wrack liegt – in zwei Teile zerbrochen – in 44 bzw. 30 m Wassertiefe. Im Jahr 2015 befreiten britische Militärtaucher es von allen umweltschädlichen Substanzen, wie Öl und Munitionsresten, sodass das Schiff heute keine Gefahr mehr für die Unterwasserwelt St. Helenas darstellt. Reintauchen darf man trotzdem nicht, denn das Schiff ist ein Kriegsgrab.
Beim Abtauchen stürmt direkt eine Kröte an uns vorbei Richtung Wasseroberfläche. Fast hätten wir sie in der riesigen Wolke von St.-Helena-Falterfischen, die das Wrack einhüllt, übersehen. Eine kleine Schule Regenbogenrenner und einige Bernsteinmakrelen erinnern uns daran, dass wir uns quasi auf hoher See befinden. Wir tauchen den Rumpf des Schiffes entlang, haben aber wegen der Tiefe und der Länge des Wracks kaum Zeit, uns mal irgendwo genauer umzuschauen. Nach 38 Minuten ist der Tauchgang schon vorbei und ich muss sagen, dass ich auf diesen am ehesten hätte verzichten können, obwohl ich absolut ein Wrackfan bin. Die meisten Mittaucher fanden es aber mega.
Nach dem Abstieg vor den Toren Jamestowns geht es in den tiefen Westen zu Bennett's Point. Sowohl das Terrain als auch das Fischleben sind inzwischen altbekannt: In den Tunneln, Grotten und Spalten und unter den Überhängen tummeln sich Soldatenfische und Langusten, Papageifische picken an den Felsen herum, über dem Riff stehen Schwärme von Falter- und Feldwebelfischen und ab und zu liegt auch mal ein Zacki auf den Felsen herum. Insgesamt kbV, aber trotzdem sehr schön!
Die Mittagspause fällt heute kurz aus und reicht gerade, um Verpflegung für die Wanderung zu erwerben, die uns die Bedienung im Mantis wärmstens empfohlen hat: Zu viert fahren wir nach Deadwood Plain, wo wir das Auto zurücklassen, um zu Fuß über den Sugar Loaf Post Box Walk zurück nach Jamestown zu gehen. "Post Box Walks" sind Wanderwege zu verschiedenen Gipfeln, Küstenabschnitten oder historischen Orten auf St. Helena. Es gibt 21 offizielle, über die ganze Insel verteilte Routen. An jedem Zielort steht eine kleine, meist hölzerne Kiste (die "Post Box") in der sich ein Gästebuch und ein Stempel befindet - quasi die Wandernadel Sankt Helenas, die wir heute in Angriff nehmen, auch wenn wir die 21 Routen in den verbleibenden 10 Tagen sicher nicht schaffen werden. Der 12 km lange "Sugar Loaf"-Küstenwanderweg wartet mit tollen Ausblicken über den Atlantik und die schroffen Steilküsten St. Helenas auf. Flora und Fauna fallen dagegen zugegebenermaßen etwas spärlich aus. Details entnehme man der folgenden Fotostory.
Nach 4 Stunden Lauferei endet unsere großartige Wanderung um 18 Uhr am Hintereingang von Anne's Place. Passenderweise sitzen da schon unsere Mittaucher von der österreichischen Wasserrettung und genießen ihr Feierabendbier, zu dem wir uns sogleich dazugesellen und den Tag ausklingen lassen.
Morgens gibt es mal wieder Long Ledge, wo wir ja schon 2x waren und uns inzwischen halbwegs auskennen. Wir tauchen in Ost-West-Richtung durch die Höhle, ohne neue Erkenntnisse zu gewinnen. Auf dem Weg zur Bedgellet gibt es noch Occis und eine Großfamilie Kuhfische, bevor wir am Wrack den Tauchgang beenden. Die lange Kante macht auch beim dritten Abstieg noch Spaß!
Nach dem Tauchgang geht es schnurstracks zurück zum Hafen, denn dort liegt das Wrack der SS Papanui im Flachwasser. Das 1898 gebaute Passagier- und Frachtschiff war auf dem Weg von London nach Australien, als im September 1911 in ihren Kohlebunkern ein Feuer ausbrach. Die Flammen breiteten sich rasch aus und zwangen den Kapitän, das Schiff in Küstennähe auf Grund zu setzen. Hierdurch konnten alle 324 Menschen an Bord gerettet werden. Das 137 m lange Schiff liegt in 6-12 m Wassertiefe im Hafen von Jamestown. Die ganze Geschichte der Papanui kann man im St. Helena-Museum in Jamestown oder hier nachlesen.
Beim Sprung ins Wasser springt sofort die riesige Meerbarben-Schule ins Auge, die um das Heck streift. Das Wrack ist ein einziger Trümmerhaufen, irgendwo reintauchen geht auch hier nicht. Gut zu sehen sind noch die Dampfkessel, die Überreste einiger Fahrzeuge und ein paar Weinflaschen. Wir überschwimmen die Trümmer zweimal in voller Länge vom Heck zum Bug und wieder zurück. Fischmäßig gibt es keine Überraschungen, aber der Tauchgang diente auch mehr zur Orientierung für den Nachttauchgang heute Abend.
Nach einer kurzen Mittagspause machen wir uns zu viert mit dem Wagen auf, um die kurze Wanderung zum Blue Point im Süden St. Helenas in Angriff zu nehmen. Über die Ladder Hill Street und einen Sightseeing Stop am High Peak erreichen wir nach 45 Minuten den Start des Wanderwegs. Keith hat uns noch gewarnt, Schotterpisten zu meiden, da die spitzen Steine sehr gut dazu geeignet sind, einen Reifen zu plätten, aber wir wollen nicht hören und unbedingt die ersten 300 m Fußweg über die wenig einladende Schotterpiste sparen, obwohl man die eh nur in Schrittgeschwindigkeit fahren kann. Schlechte Idee. Als wir kurz darauf den Wagen am Wegesrand parken, sieht der linke Vorderreifen schon ziemlich platt aus. Ein wenig Luft ist aber noch drin, weswegen wir einen schleichenden Plattfuß vermuten. Schweren Herzens canceln wir die Wanderung und machen uns auf den Weg zur nächsten Tankstelle. Davon gibt es auf St. Helena drei: Die nächste ist in Half Tree Hollow, was bedeutet: fast den ganzen Weg zurück, womit die Wanderung dann auch komplett gestorben ist.
Um trotzdem noch ein wenig Bewegung zu kriegen, versuche ich mich unmittelbar nach der Rückkehr ins Hotel an Jacob's Ladder, die direkt vor der Haustür des Blue Lantern liegt. Hierbei handelt es sich um eine 40 Grad steile Treppe, die in 699 Stufen von Jamestown auf den 180 m höher gelegenen Ladder Hill führt. Ursprünglich befand sich hier eine im Jahr 1829 angelegte, von Maultieren gezogene Schienenseilbahn, die zum Transport von Munition und Vorräten zu den Wehranlagen auf dem Ladder Hill diente. 1871 wurde der Betrieb aufgrund von Termitenschäden an den Schwellen eingestellt. Nach dem Abbau der Seilbahn blieb nur die Treppe übrig, die im Jahr 2022 restauriert wurde und heute neben diesem kleinen, französischen Kaiser die Hauptattraktion St. Helenas ist.
Die Einheimischen sagen, wer den Aufstieg unter 20 Minuten schafft, darf sich als "topfit" bezeichnen, aber das ist wohl etwas geschönt. Ich habe es zwar nicht eilig, aber merke schon nach 10 Metern, dass es sehr beschwerlich wird, denn auch diese Stufen sind – genau wie die am letzten Freitag im Platteklip Gorge – deutlich zu hoch für meine Beine. Alle 100 Stufen lege ich eine zwingend notwendige künstlerische Pause ein, die ich mir damit schönrede, dass ich ja auch die Aussicht genießen möchte. Und die ist in der Tat der Knaller, man hat einen Monsterblick über Jamestown und den Atlantischen Ozean! Nach 16 Minuten bin ich endlich oben und werfe noch einen Blick von der Aussichtsplattform auf die Umgebung, aber mehr als von der Treppe aus sieht man von da auch nicht. Also wieder den gleichen Weg zurück, aber wer jetzt denkt, die Treppe runter ist einfacher als hoch, liegt nur halb richtig. Es geht nicht so auf die Pumpe, aber die Oberschenkel bedanken sich genauso sehr. Drei Tage Muskelkater habe ich jedenfalls sicher.
Gelegenheit zum Lockern der Beine bietet der Nachttauchgang an der Papanui. Wie erwartet, sind des Nachts ein paar andere Tiere unterwegs als tagsüber. Viele Muränen sind auf Jagd und schwimmen frei herum. Kleine Skorpionsfische erstrahlen überall in grellem Rot im Licht der Lampe. Langusten krabbeln über den Sand, gefolgt von einigen Bärenkrebsen. Wir sind schon fast unfallfrei zurück, als eine herumschwimmende Grüne Kröte vor uns Reißaus nimmt und – vermutlich irritiert von unseren Lampen – mit Vollkaracho in mich reinbrettert. Merke: Krötenschnäbel sind hart, das gibt einen schönen blauen Fleck auf der Brust! Ihr ist zum Glück nichts passiert, ich sehe sie noch zur Wasseroberfläche emporschwimmen. So kann ich ohne schlechtes Gewissen das wohlverdiente Abendessen bei Anne genießen.
Heute ist tauchfrei, Craig und Keith machen mit uns eine Inselrundfahrt und zeigen uns die Highlights St. Helenas. Die Kurzfassung lautet: Briars - Napoleons Grab - Longwood House - Diana's Peak Drive - Blue Point Drive - Plantation House - Jacob's Ladder. Details entnehme der interessierte Leser der Fotostory.
Um 14:30 Uhr sind wir zurück. Da das High Knoll Fort nicht Bestandteil der Tour war und alle anderen es schon besichtigt haben, nutzen Lara und ich den freien Nachmittag und fahren zu zweit dahin. Das Fort liegt südlich von Jamestown 600 m über dem Meeresspiegel. In seiner heutigen Form wurde es 1874 erbaut, integriert aber ein früheres Fort, das um 1790 an gleicher Stelle errichtet worden war. Seit 2015 ist die unter Denkmalschutz stehende Festung für Touristen geöffnet. Netterweise hat die Denkmalschutzbehörde auch Picknicktische aufgestellt, für diejenigen, die länger verweilen wollen. Das wollen wir nicht, sondern belassen es bei einer halben Stunde, die reicht, um einen Blick in alle dunklen Gänge und Kammern zu werfen und den Ausblick auf die umliegenden Hügel zu genießen.
Abendessen gibt's heute unter freiem Himmel, denn jeden Freitag und Sonntag ist Streetfood-Tag im Hafen. An einer Handvoll Buden kann man die üblichen Snacks, Cocktails und Eiscreme erstehen. Skipps verkauft vier schmackhafte Sorten Bier. Wie könnte man die erste Woche St. Helena besser beschließen? Wir freuen uns jedenfalls auf weiteres Tauchen und noch mehr Wandern in Woche 2.