Australien/Neuseeland, Teil 1: Cairns → Sydney

Dezember 1999

Woche 1: Cairns/Great Barrier Reef

Früh morgens um 2 Uhr heben wir am 2.12. mit zwei Stunden Verspätung in Frankfurt ab. Die Mechaniker mussten noch ein Kabel an einem Triebwerke reparieren, was sehr zur Beruhigung der Passagiere beiträgt. 13 Stunden später landen wir zu einem zweistündigen Zwischenstopp in Singapur, den wir dazu nutzen, um ein wenig durch den Flughafen zu streifen und uns die Beine zu vertreten. Die Singapurianer sind schon voll in Weihnachtsstimmung, eine Vier-Mann-Combo in schwarzen Anzügen und roten Zipfelmützen gibt doch tatsächlich "Muss i denn zum Städtele hinaus" zum Besten. Nach dieser erheiternden Einlage essen wir noch unseren Instant-Kaffee und starten anschließend zur letzten Etappe unserer 23stündigen Reise. Morgens um 10 Uhr landen wir schließlich in Cairns und erleben direkt zwei unangenehme Überraschungen: Es regnet und es ist fies kalt - nur 25 Grad Außentemperatur zeigt das Thermometer.

Die ersten zwei Tage verbringen wir mit dem Gewöhnen an die 8 Stunden Zeitunterschied, was bei dem ein oder anderen Bierchen im Wool Shed gewohnt leicht fällt. An Tag 3 hat der Spaß für uns ein Ende, der Ernst des Tauchens beginnt mit dem Rescue Diver Kurs. Meine Erste-Hilfe-Fähigkeiten kann ich gleich an mir selbst ausprobieren, denn als ich aus dem Pickup Bus hüpfe, muss ich feststellen, dass ich wie ein Schwein blute, so dass ich die halbe Mozzie-Bevölkerung Australiens durchbringen könnte. Hab mich wohl irgendwo im Bus geschnitten, ohne es gemerkt zu haben. Da ich schon Schwierigkeiten habe, mir selbst 'nen Knopf anzunähen und der Tauchlehrer die Lektion "Stop Bleeding", die er uns im Rahmen des Kurses beizubringen versucht, selbst nicht so richtig beherrscht, überlasse ich die Näherei schließlich doch dem Profi-Doc. 140$ kosten mich Nadel und Faden, danach kann's endlich losgehen zum Tauchen ans Great Barrier Reef.

Was mich dort erwartet, ist in zweifacher Hinsicht eine Enttäuschung. Zum einen mag ein Rescue Diver Kurs ja vielleicht halbwegs sinnvoll sein, aber Spaß macht er nicht. Über 70% der Zeit verbringt man an der Wasseroberfläche oder bis zu einer Tiefe von 8 m. Vom "Umgang mit einem nervösen oder panischen Taucher", "Aufstieg mit einem bewusstlosen Taucher", "Abschleppen und ggf. Beatmen eines bewusstlosen Tauchers" bis hin zum "Suchen eines bewusstlosen Bleigurts" reicht die Palette der Übungen. Letztere ist besonders effektiv, wenn ein Funtaucher mit stolzgeschwellter Brust nach dem Tauchgang mit einem Extragurt erscheint und meint, da habe wohl jemand einen Bleigurt verloren, während die Rescue Diver-Schüler sich draußen verzweifelt fragen, wo der blöde Tauchlehrer das Teil wohl versteckt haben mag. Auch ist es super motivierend, so an der Oberfläche rumzupaddeln und als simulierendes Opfer Wasser statt Luft zu atmen, weil es der Abschlepper nicht so drauf hat und einem den Kopf eher unter Wasser drückt, statt ihn oben zu halten. Den krönenden Abschluss findet der Kurs nach drei Tagen endlich mit meiner Lieblingsübung - Notfallmanagement. Und was heißt das? Genau, ins Wasser hüpfen, einen bewusstlosen Taucher abschleppen, gleichzeitig beatmen und ausziehen (nur das Kit, versteht sich), ihn die Leiter rauf aufs Boot wuchten, ohne ihm dabei den Rücken zu brechen und schnell noch "Pizza, Pizza" brüllen (das international anerkannte Notfallsignal, was Kapitäne dazu veranlasst, die Küstenrettung zu rufen). Auf dem Boot dann allen Herumstehenden sagen, was sie zu tun und was sie zu lassen haben, das Opfer weiterbeatmen und gleichzeitig auf zwei Fingern die australische Nationalhymne pfeifen. Ist das Opfer endlich wiederbelebt, muss man ihm 'nen Haufen dummer Fragen stellen und waren auch die Antworten dumm genug, darf man sich gratulieren, denn man ist jetzt Rescue Diver. Oh mannomann, der arme Kerl, der von mir mal gerettet werden muss, tut mir jetzt schon leid, aber was tut man nicht alles auf dem Weg zum Divemaster. Noch erschreckender als der Kurs war aber der Zustand des Riffs, wie ich es nach den brillanten Tauchgängen 2 1/2 Jahre zuvor angetroffen habe. Einzelheiten kann man man im Tauchbericht nachlesen.

So geht denn die erste Woche Oz mit der obligatorischen Kursabschlussparty im Cock'n Bull zu Ende, bei dem die meisten Taucher beweisen, dass sie sich auch mit nichtalkoholfreien Flüssigkeiten ziemlich gut auskennen. Wer sonst kennt schon sechs verschiedene Arten, einen Sambuca zu trinken?

Woche 2: Cairns → Atherton Tablelands → Townsville

Wir verlassen Cairns mit dem Mietwagen gen Norden, um die nächsten Tage in den Atherton Tablelands zu verbringen, einem Landstrich, der sich mit zwei Worten beschreiben lässt. "Regenwald" und "Wasserfälle". Auf dem Weg dorthin legen wir einen kurzen Stopp im Touristenkaff Kuranda ein. Der Ort liegt in einer wunderbaren Landschaft inmitten tropischen Regenwalds. Eine der längsten Seilbahnen der Welt führt ebenso hierher wie eine Scenic Railway, extra für uns Touris gebaut. Ansonsten ist in Kuranda nicht viel los. Da wir erst am frühen Nachmittag hier eintreffen, ist der Ort wie ausgestorben, die Tagesausflügler sind alle schon wieder weg. Die mächtigen Barron Falls sind zu dieser Jahreszeit nur ein müder Rinnsal, der einsam die Felswände hinabtröpfelt und als Barron River gen Süden fließt. In diese Richtung wenden wir uns dann auch und statten dem Davies Creek National Park einen kurzen Besuch ab. Die sage und schreibe 30 cm tiefen Wasserlöcher hier können aber auch keine so richtige Erfrischung von der Bullenhitze bieten. Über Mareeba geht es nach Atherton, wo wir für diese Nacht Station machen und ich mal meine Inlines auspacke, die ich in einem Anfall von Größenwahn meinte, einpacken und durch ganz Australien schleppen zu müssen. Kann ich jedem nur von abraten, die australischen Straßen sind größtenteils viel zu grobkörnig und zum Skaten denkbar ungeeignet. Statt dessen nehme man lieber 4 Kilo seines Lieblingsfrühstücks mit. Da hat's man in Oz nämlich schwer, es sei denn, man ist ausgemachter Fan von labbrigem, weißem Toast mit Vegemite (sprich: Wedschemeit), dem widerlichsten Nahrungsmittel (denn man es so bezeichnen möchte), das ein kranker Kopf je hervorgebracht hat und in Oz mit einem Status wie hierzulande Nutella.

Nach besagtem Frühstück machen wir uns auf zu den nächsten National Parks. Da wäre zunächst mal der Mt. Hypipamee Crater, ein 138 m tiefer Krater, der vor über 10000 Jahren aufgrund vulkanischer Aktivitäten das Licht der Welt erblickt hat und inmitten tropischen Regenwalds liegt. Wirklich brilliant, unbedingt anschauen! Die ebenfalls in diesem Park gelegenen Dinner Falls können uns dagegen nicht vom Hocker reißen. Nett, Punkt. Weiter geht's nach Millaa Millaa, von dessen gleichnamigem Lookout man eine super Aussicht über das Land hat. Der Ort dagegen verdient noch nicht mal die Bezeichnung "Dorf", er besteht aus ein paar einsamen Häusern beidseits einer menschenleeren Asphaltpiste. Selbige führt zu den "weltberühmten" (O-Ton der Millaanesen) Millaa Millaa Falls, in dessen Swimming Hole ich einen kühnen Sprung wage. Angesichts von 13 Grad Wassertemperatur friere ich mir aber nach spätestens fünf Minuten das ein oder andere Körperteil weg, das ich später noch brauchen könnte. Von Langzeitaufenthalt ist daher abzuraten.

Wir beschließen, vorerst genug Wasserfälle gesehen zu haben und machen uns auf nach Innisfail, um die dortige Johnstone River Crocodile Farm zu besuchen. Und die ist echt einen Besuch wert! Wir sind die einzigen Besucher an dem Nachmittag und bekommen von Oberaufseher Mick, einem echten Original, eine Privatvorstellung. Er begrüßt uns mit der Hauspython, die er uns galant unter's T-Shirt steckt. Danach geht's dann zu den Crocs. Mit einer sehr Vertrauen erweckenden Plastikharke bewaffnet rührt Mick vorsichtig in dem Tümpel herum. Nichts passiert, so dass man schon meinen könnte, wo ist denn hier das Croc? Kaum schlägt er die Harke aber mit einem lauten Platsch ins Wasser, schon kommt das Vieh mit weit aufgerissenem Maul aus dem Wasser geschossen. Mick erklärt uns, dass Crocs Schritte bis auf 300 m Entfernung wahrnehmen können. Daher wusste jedes der 1500 Crocs im Park, dass die "bloody Germans" kommen, noch ehe sie tatsächlich auf dem Gelände waren. Das größte Croc hier heißt Gregory, ist 5 m lang und stattliche 1200 Kilo schwer. Mick setzt sich drauf und lädt mich ein, es ihm doch mal gleich zu tun. Ich lehne dankend ab. Neben Crocs hat es auch Emus, Kasuare, Känguruhs und Wallabies im Park. Letztere werden angeblich lebend an die Crocs verfüttert. Ich weiß aber nicht, ob Mick das wirlich Ernst meint, in unserem Beisein verfüttert er nur tote Hühnchen. Nach vier Stunden verlassen wir die Farm und machen uns auf nach Mission Beach, wo wir im Scotty's Backpackers einchecken. Es ist mit 10$ die bisher billigste Absteige, aber mit Abstand auch die schlechteste.

Am nächsten Tag ist Fahren angesagt. Am Abzweig zum Bruce Highway lesen wir: "Townsville 517 km". Nach fünf Minuten Fahrt heißt es "Townsville 457 km". Wir scheinen ja richtig flott unterwegs zu sein. Entfernungsangaben sollte man in Oz nur als grobe Schätzung verstehen. Den Besuch auf Magnetic Island spare ich mir dieses Mal, war vor 2 Jahren schon mal dort. Stattdessen benutze ich Townsville als Sprungbrett zu einem der besten Tauchtrips in Oz, eine Tour zur Yongala. Die ist mir von einem Buddy beim Tauchen in Cairns wärmstens ans Herz gelegt worden. Und er hat nicht übertrieben!

Woche 3: Townsville → Airlie Beach → Rockhampton → Bundaberg → Hervey Bay

Nach zwei Tagen Aufenthalt auf See und der brillanten Tour zur Yongala ist für mich zur Abwechslung mal Busfahren angesagt. Kumpel Alper ist mit dem Mietwagen schon nach Airlie Beach vorgefahren. Sechs Stunden später bin ich auch da und verbringe den Tag mit Internet-Cafe, Shoppen und Jugs kippen, was in Airlie Beach als einem DER Backpacker-Hangouts an der Ostküste nicht weiter schwer fällt. Beim Einchecken ins Hostel fällt mir ein Prospekt vom Fallschirmspringen in die Hände. Für stolze 240 $ kann man sich hier an einen Profi hängen und mit satten 200 km/h den Whitsundays von oben entgegenrauschen. Aus einer Laune heraus buche ich mich kurzentschlossen für den nächsten Morgen ein. Der kommt schneller als man denkt und bevor ich richtig realisiere, wie mir geschieht, stehe ich in einem extrem unmodisch aussehenden Springer-Overall am Flugfeld von Shute Harbour und bekomme meine Einweisung. Für 20 $ kann ich eine Versicherung abschließen, falls etwas passiert. Sehr lustig, denke ich, wenn etwas passiert, wofür brauche ich da noch eine Versicherung? Selbstverständlich schließe ich sie nicht ab. Dann werden die grundlegendsten Dinge, wie Ausstieg aus dem Flieger, Haltung in freiem Fall und bei der Landung geübt. Das Ganze dauert exakt 5 min, dann geht's rein in den Einsitzer (bis auf den Piloten hocken alle auf dem Boden) und ab in die Luft. Ich bemerke noch, dass ich etwas nervös bin, woraufhin der junge Mann mit den 5000 Sprüngen, an dem ich gleich festgekettet werde, nur meint, er würde sich Sorgen machen, wenn das nicht so wäre. Weiterhin meint er noch: "You might be a bit worried when the door opens and you look down. That's not a problem, just relax and enjoy". Spaßvogel. Es dauert etwa 20 min, bis wir die Absprunghöhe von 9000 Fuß (2700 m) erreicht haben. Ich bin dann tatsächlich etwas worried, als ich endlich festgezurrt werde und die Brille aufsetzen darf. Ich bin noch mehr worried als die Tür aufgeht, auch wenn die Aussicht auf die Whitsundays von hier oben echt fantastisch ist. Wie kleine grüne Tupfer liegen die Inseln in einem strahlendblauen Meer, eingehüllt von ein paar weißen Wolken. "You`re ready?", werde ich von hinten gefragt. "Actually - no", erwidere ich, "so let's go!". Also locker die Füße aufs Trittbrett schwingen, die etwas verkrampften Hände vom Flieger lösen und vor der Brust verschränken und dann wird gezählt: "One, two, three - goooo!". Wow, mit einem Affenzahn geht es kopfüber abwärts, der Wind heult mir um die Ohren, dass ich mein eigenes Wort nicht mehr verstehe - so ich denn eins sprechen würde. Es dauert ein, zwei Sekunden, bis sich die Fluglage stabilisiert und wir nicht mehr senkrecht sondern waagerecht durcht die Luft brettern. Die Haut an den Wangen flattert etwas unkoordiniert im Wind. Gut, dass ich gerade nicht fotografiert werde. Ein ganz klein wenig high kann man bei so einem Freefall schon werden. Es scheint eine Ewigkeit zu dauern, bis der Schirm aufgeht, obwohl der Freefall nur so 10-12 sek dauert. Es ist ein Gefühl wie eine Notbremsung, es reißt einem am ganzen Körper nach oben und insbesondere an besonders empfindlichen Stellen. Plötzlich ist nur noch Stille und man schwebt friedlich vor sich hin und kann aus mehreren Hundert Metern Höhe friedlich die Landschaft genießen. Die Schwebephase dauert etwa 5-10 min, dann heißt es fertigmachen zur Landung. Beine hoch und wir legen punktgenau und blitzsauber eine Landung vor der Videokamera hin. Von der Kamerafrau werde ich dann auch sogleich um ein Statement gebeten, aber ich bin noch ziemlich euphorisch und sprachlos und es kommt nur bla dabei heraus. Das war jedenfalls mal wieder so ein Erlebnis-Highlight, das ich jederzeit wiederholen würde.

Immer noch etwas Adrenalin-trunken setz ich mich kurze Zeit später ans Steuer und frage mich, ob ich in meinem Zustand jetzt überhaupt Auto fahren darf. Egal, sechs Stunden später sind wir in Rockhampton, der Rinderhauptstadt Australiens. Hier soll's die besten Steaks des gesamten Kontinents geben. Wir probieren das gleich aus und ich kann nicht von der Hand weisen, dass ich das brillanteste Rumpsteak seit Monaten habe. Außer Rumpsteaks kann man in Rockhampton auch das Aboriginal Cultural Center besuchen. So richtig überzeugen kann mich die Veranstaltung aber nicht. Am Beeindruckendsten finde ich noch, was für Töne unser Guide, der so aussieht, als hätte er gerade die Grundschule verlassen, nach nur vier Monaten üben bereits aus einem Didgeridoo hervorzaubert. Beim Bumerang-Werfen stelle ich mich wie schon vor zwei Jahren in Dingo als Hitcher heraus. Statt eines Mitreisenden ist diesmal aber nur ein Kookaburra das Opfer, der laut kreischend das Weite sucht. Ansonsten fand ich die Aboriginal Culture Center im Red Center von Oz deutlich informativer als das Teil hier.

Wir verlassen sogleich Rockhampton und über die alte Minenstadt Mt. Morgan geht's nach Biloela. In der Stadt gibt es nichts zu sehen und nichts zu tun, sie ist einfach nur hässlich. Die Hauptattraktion ist das Kraftwerk, das halb Queensland mit Strom versorgt. Wer sich's denn unbedingt anschauen will... Wir wollen nicht, also geht's weiter auf dem Burnett Highway gen Süden. Bei Monto legen wir einen Abstecher zum Cania Gorge National Park ein. Die Schilder an der Zufahrtsstraße weisen uns darauf hin, dass die Weiden hier keine Zäune haben. Milch von glücklichen Kühen sozusagen. Oder Fleisch von unglücklichen. Unsere Fahrt wird dann auch jäh gestoppt, als hinter einer Bergkuppe plötzlich mitten auf der Straße eine Kuh steht und uns dämlich anstarrt, bevor sie Platz macht. Durch den Nationalpark führen einige gut begehbare Walking Tracks, die wirklich Spaß machen. Ein paar Bush Wallabies flüchten bei unserem Näherkommen durch's Gehölz. Nur die "Attraktionen", zu denen die Walking Tracks führen, sind ziemlich armselig. Bei den "Dripping Rocks" tröpfelt ein wenig Wasser einen 3 m hohen Felsen runter, na und? Auch der "Overhang" wird wahrscheinlich nicht als achtes Weltwunder in die Geschichte eingehen. Man sollte die Tracks an sich genießen, und nicht erwarten, an deren Ende etwas Weltbewegendes zu Gesicht zu bekommen.

Schon bei Einbruch der Dämmerung geht es schließlich weiter. Am Abzweig nach Gin Gin bekomme ich fast einen Herzinfarkt: Gravel Road! Arrrgh, die Straße ist in meiner Karte ganz fett als Hauptstraße markiert, aber was heißt das schon im tiefsten Busch? Alice Springs hab ich auch immer für eine Großstadt gehalten. Wir haben keine Wahl, Gravel Road oder 200 km Umweg, also geht's im Schneckentempo von 30-60 km/h über den lackschädigenden Schotter. Nach 25 km wandelt sich die Piste in eine wunderbare, nagelneu asphaltierte Piste und ich frohlocke schon, dass wir vielleicht doch noch eine geöffnete Tankstelle angesichts unseres zur Neige gehenden Sprits erwischen. Zu früh gefreut, nach 2 km ist der alte Zustand der Straße wiederhergestellt. Die spinnen, die Aussies, asphaltieren einfach mitten in der Pampa ("back o' Bourke", wie der Aussie sagt) ein Stück Straße und den Rest fassen sie nicht an. Wozu soll das gut sein? Nach 40 km Gravel Road ist es dann endlich soweit und der Belag wird wieder zu Asphalt - diesmal nicht nur temporär. Bei der folgenden Hetzjagd über die nächtliche Landstraße fahren wir etwa 1 Million Frösche platt, töten die halbe Insektenbevölkerung Queenslands und können nur mit Müh und Not zwei Wallabies ausweichen. Die Aussies wissen schon, warum sie nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr durch den Busch gurken. Mit letztem Tropfen erreichen wir schließlich Gin Gin und nach dem Auftanken am 24 h Truck Stop auch noch Bundaberg, unser geplantes Tagesziel. Just in time, der Herbergsvater hatte den Laden schon dicht gemacht, checkt uns aber freundlicherweise noch ein.

Den nächsten Morgen verbringen wir damit, uns nach Tauchtouren zu erkundigen, die soll es in Bundaberg für kleines Geld geben. Salty's bietet uns für 170$ eine Tour zur Lady Musgrave Island an. Vielen Dank, da komme ich ja selbst in Cairns preiswerter weg. Nach einigem Telefonieren wird es schließlich für morgen ein Trip mit einem Tauchcenter in Bargara zu zwei künstlichen Riffs in der Umgebung, u.a. einem Flugzeugwrack aus dem 2. Weltkrieg. Nachdem das geklärt ist und wir ein bezauberndes Frühstück im hiesigen Bus Terminal zu uns genommen haben, können wir in aller Ruhe die so ziemlich einzige Sehenswürdigkeit Bundabergs besichtigen: die Distillerie von "Bundaberg Rum", Australiens "most favourite" Rum. Die Tour beginnt gleich am widerlichsten Ort, dem Melasse-Lager. Melasse ist ein Nebenprodukt der Zuckerrübenverarbeitung und besteht zu etwa 15% aus allem, was kreucht und fleucht. In dem Lager stinkt es bestialisch, was das Fräulein Guide nicht davon abhält, jedem Delinquenten einen Tropfen des widerlichen, dunkelbraunen, dickflüssigen Zeugs zum Probieren auf den Finger zu geben. Sieht aus wie Vegemite, riecht wie Vegemite – schmeckt wie Vegemite. Sehr verdächtig... Wie üblich durchläuft die Tour alle Stufen der Produktion und endet schließlich im Lager, wo der Rum für 2 bzw. 10 Jahre bis zur Auslieferung lagert. Nach dem großen Feuer von 1936 ist das Lager besonders gesichert, so dass der Rum im Falle eines Unfalls nicht mehr in den direkt hinter dem Lager fließenden Burnett River laufen kann. Damals ist ein großer Teil der Fische im Fluss in dem brennenden Rum verbrannt (oder an Alkoholvergiftung gestorben).

Am Mittag schlagen wir im Tauchcenter in Bargara auf, um zu erfahren, dass die Tauchtour für morgen abgesagt ist: Sturmwarnung und für die nächsten drei Tage ist auch keine Besserung in Sicht. Wir beschließen, keine Zeit zu verplempern und direkt nach Hervey Bay weiterzufahren. Um 14 Uhr checken wir dort im "Koala Beach Resorts" ein, was trotz des hochtrabenden Namens ein stinknormaler Backpacker ist. Wir haben Glück und bekommen für morgen noch eine dreitägige Tour nach Fraser Island für 105$. Mit 8 Leuten drei Tage lang Strand, Allrad fahren, Grillen und Feiern, das wird ein Heidenspaß! Nach der zweistündigen Vorbesprechung wird eingekauft und der Toyota Landcruiser vollgeladen, bevor wir uns mit unseren Mitreisenden, 4 Schweden und 2 Dänen, in der Bar schon mal auf die kommenden 3 Tage einstimmen. Die Einstimmung dauert ein Weilchen, es ist 4 Uhr morgens, als ich endlich in mein Bett krabbele. Au weia, in 90 min ist die Nacht vorbei.

Woche 4: Hervey Bay / Fraser Island → Brisbane → Grafton → Newcastle

Mit sehr breitem Kopf und sehr kleinen Augen stehe ich mit 10 min Verspätung auf der Matte, die Kollegen packen schon den Landcruiser voll. Um 9 Uhr nehmen wir die Fähre nach Fraser Island. Die Fahrt dauert nur 35 min, dann kommen wir auf der mit einer Fläche von 1840 km² größten Sandinsel der Welt an. In den folgenden drei Tagen wühlen wir uns mit dem Allrad durch die Sandwege auf der Insel, brettern mit 100 km/h über den 75 Mile Beach, nehmen erfrischende Bäder im glasklaren Wasser von Lake McKenzie und Lake Wabby, campen am Strand mit den Dingos, versuchen uns die Millionen Sandflys vom Hals zu halten (was ein ziemlich aussichtsloses Unterfangen ist), genießen die Aussicht vom Indian Head, lassen uns von den Blasen des Champagne Pools massieren, streifen durch die Überreste des Maheno Wrecks, waten durch den Eli Creek, picknicken an den Pinnacles und verdrücken einige Steaks und Dosenbier beim abendlichen Lagerfeuer. Kurz und gut, es sind drei kurzweilige Tage auf Fraser, für mich ein absolutes "Must visit" an der Ostküste Australiens.

Zurück in Hervey Bay bleibt uns nur, den Wagen zu putzen und die Feierei fortzusetzen. Es ist der 23.12., alles ist dicht, inkl. des Empfangs im Koala, d.h. wir sitzen noch die nächsten beiden Tage in Hervey Bay fest. So werden es sehr ruhige Weihnachten am Hostel-Pool.

Am 26.12. kommen wir endlich weg, über Noosa und Maroochydore geht es auf Nebenstrecken an der Sunshine Coast entlang bis Caloundra. Die Strecke ist landschaftlich top, aber es geht nur quälend langsam voran. Nachmittags um 3 erreichen wir Brisbane und checken im Palace Backpackers ein. Das Hostel liegt sehr zentral, von hier aus kann man alles zu Fuß erledigen. Vor allem natürlich die "City Centre Walking Tour" aus unserer Bibel, die alle innerstädtischen Sehenswürdigkeiten Brisbanes abklappert. Wenn man die hinter sich hat, kann man in der Bar des Hostels auch gleich noch das Tanzbein schwingen, was wir tun, bis wir weit nach Mitternacht nur noch über'm Geländer hängen.

Am nächsten Morgen schüttet es in Strömen, was soll man denn bei so einem Wetter groß tun? Wegen der Public Holidays (Ferien) ist alles zu, man kann sich noch nicht mal in ein Museum flüchten. Also beschließen wir, auf das schon bezahlte Bett für die kommende Nacht zu scheißen und uns noch so weit wie möglich Sydney anzunähern. Über den Pacific Highway geht's gen Süden bis Coomera, wo wir Richtung Gold Coast abbiegen, um die "Scenic Route" zu nehmen. Wir kämpfen uns durch den dichten Verkehr auf dem Gold Coast Highway, der besser "Gold Coast Slowway" heißen sollte, lassen die immer noch unansehnlichen Wolkenkratzer von Surfers Paradise rechts und das Backpacker Hangout Byron Bay links liegen und erreichen nach einem ganzen Tag mit nichts als Fahren, Fahren, Fahren abends um 8 schließlich Grafton, ein 16.000-Einwohner-Kaff am Highway 1. Beim Abendessen im Crown Hotel, das sogar noch ein Zimmer für uns frei hat, lernen wir einen Aussie kennen, der Outback-Touren anbietet. Und zwar richtig Outback, so 3 Wochen durch die Wüste, ohne eine Menschenseele zu treffen oder 3 Monate lang durchs Top End hoch bis Cape York. Er hat auch ein paar super Busch-Überlebenstipps für uns parat, z.B. wie man sich nachts die Crocs vom Leib hält, wenn man im Zelt schläft: Man bindet einfach in 50 m Entfernung seinen Hund an einen Pfahl, den holen sie dann zuerst. Leider hab ich vergessen, nach seinem Hundeverschleiß zu fragen.

Um 10:30 Uhr kommen wir aus Grafton weg und auf den Rat unseres Outback-Aussies nehmen wir die landschaftliche schöne Nebenstrecke (Gravel Road inklusive) über Armidale, um den New England Highway zu meiden. Leider gießt es auch heute wieder Bindfäden und unser etwas untermotorisiertes Gefährt kackt an den Anstiegen der sehr kurvenreichen Strecke regelmäßig ab. Über Uralla, Walcha und Gloucester geht es zunächst bis Nelson Bay. Als wir uns dem Ort nähern, befürchte ich schon das Schlimmste. Es hat einen Verkehr wie auf dem Kölner Ring morgens um 8. Prompt eröffnet uns die Lady an der Rezeption des 1. Hostels, bei dem wir es versuchen, dass sie komplett ausgebucht sind und wahrscheinlich in ganz Nelson Bay nichts mehr zu kriegen sei. Wir versuchen es noch im Shoal Bay Hotel und sie haben tatsächlich auch noch ein Doppelzimmer zu vergeben – für 350$ die Nacht! Merke: Besser nicht drauf bauen, dass man in den Weihnachtsferien in den australischen Touristengebieten spontan eine erschwingliche Bleibe bekommen kann, sondern rechtzeitig vorbuchen! Wir versuchen es telefonisch bei den Hostels im 60 km entfernten Newcastle und ergattern in einem tatsächlich noch die letzten beiden Betten. Glück gehabt. Bei immer noch strömendem Regen kommen wir um 20 Uhr in Newcastle an. Schnell einchecken, Duschen sparen wir uns und dann flugs zur Beaumont-Street, da soll's die besten Restaurants geben. Dass das von uns auserkorene Steakhouse uns angesichts unseres abgeranzten Backpacker-Outfits überhaupt reinlässt und nicht achtkantig rausschmeißt, finde ich schon beachtlich. Ich mag Australien.

Woche 5: Newcastle → Sydney

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                 
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